Bonn

Die Haltung der deutschen Medien und Politiker versetzt mich in Unruhe, um nicht zu sagen, in Angst. Nachdem verzweifelte Kurden mit ihren Protestaktionen begonnen hatten, beherrschte ein Thema die Öffentlichkeit: der Zorn auf die Kurden.

Die einheitliche Haltung der Medien hat mich an die Situation der Presse im Irak erinnert, wo ich als Journalist tätig war. Dort kamen nachmittags vom Bildungsministerium die Texte für die Seiten eins bis vier, die in allen arabischen und kurdischen Zeitungen wie eine Sure aus dem Koran veröffentlicht werden mußten, natürlich bestückt mit einem Bild Saddam Husseins.

Nicht einmal im Traum konnte ich mir vorstellen, daß ausgerechnet in Deutschland mit seiner einschlägigen Geschichte ein schutzloses Volk mit Anfeindungen und Schwarzmalerei bombardiert wird. Aus Berlin werde ich von einer Rundfunkanstalt angerufen mit der Bitte, ob ich nicht etwas gegen die Kurden schreiben könnte. Ein Fernsehsender in München lädt mich zwar für eine Sendung ein, will aber kein Wort über die Unterdrückung in der Türkei hören; ich soll nur ein wenig über die Kurdenkrawalle reden.

In der Bundesrepublik tauchen plötzlich ganze Heere von Kurdenexperten auf, die nichts wissen von den deutschen Waffenlieferungen an die Türkei, von NVA- und Leopard-Panzern, mit denen Ankara Krieg gegen die Kurden führt; die nichts wissen von Halabdscha und anderen kurdischen Orten, deren Bewohner mit Senfgas ermordet wurden, das offenbar deutsche Unternehmen mitproduziert haben. Wenn ich Redaktionen anrufe, spüre ich die Unsicherheit an der anderen Seite der Telefonleitung, meine Worte könnten gegen den Strich laufen. Artikel, wie ich sie scheiben möchte, passen nicht in die Stimmung: Sympathie für Kurden - nicht jetzt.

Im Irak habe ich gelernt, daß die modernste Waffe im Kampf gegen Diktaturen die Pressefreiheit ist und daß sie erst dann geschätzt und verteidigt wird, wenn es sie nicht mehr gibt. Heute lerne ich, daß weder Politiker noch die Presse in Deutschland frei sind. Selbst rot-grüne Stimmen wie die von Schily und Fischer, die sich für Menschenrechte einsetzten, sind von ihrer ursprünglichen Tonlage abgewichen, um bloß nicht die Zustimmung der Bevölkerung zu verlieren. Und ich frage auch: Wo sind die Menschen, die Rot-Grün wegen deren Engagement für die Menschenrechte gewählt haben? Wo sind die Journalisten, die gegen die Grundstimmung halten? Ist es nicht ihre Aufgabe, deutlich zu machen, daß Scharfmacher wie Westerwelle, Stoiber oder Beckstein der politischen Kultur in diesem Land schaden? Ist es nicht überfällig, im Zusammenhang mit den kurdischen Protesten auch den Genozid an den Kurden in der Türkei zu erwähnen? Festzustellen, daß es Türken waren, die in die Gebiete der Kurden eindrangen und nicht umgekehrt. Warum spricht niemand von den 400000 türkischen Soldaten, die kurdische Dörfer zerstören und Menschen vernichten?

Heute stehen 30 Millionen Kurden hinter ihrem Anführer Öcalan, der immer noch als Terrorist angesehen wird. Wenn man ihn so einordnet, will man dann auch das ganze kurdische Volk des Terrorismus bezichtigen? Nach 17 Jahren, in denen ich mich in diesem Land sicher und wohl gefühlt habe, beschleicht mich erstmals eine große Angst.