Alles wird immer teurer? Von wegen. Gerade hat die Deutsche Telekom wieder einmal niedrigere Gebühren angekündigt; schon heute kosten Telefongespräche bis zu 75 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Spar-Märkte in Deutschland legen Dauertiefstpreise für rund 200 Produkte fest, ein Flugticket von Hamburg nach München und zurück bekommt man in diesem Monat schon für 198 Mark. Kurzum, die Lebenshaltung der deutschen Haushalte ist im Januar gegenüber dem Vorjahr nur noch um 0,2 Prozent teurer geworden. Bereits seit Juni 1998 sinken die Erzeugerpreise auf breiter Front, im Dezember um 1,7 Prozent. Die Einfuhrpreise gingen sogar um 6,0 Prozent zurück, die Weltmarktpreise für Rohstoffe um 31,8 Prozent.

Jahrzehntelang hatte man sich in Westeuropa und Nordamerika daran gewöhnt, daß Preise und Löhne Jahr für Jahr stiegen, mal langsamer, mal schneller. Doch in den vergangenen Jahren haben sich die Regeln des Spiels grundsätzlich verändert. Ein mörderischer Wettbewerb, etwa unter den Telefongesellschaften, erzwingt zum Teil dramatische Preissenkungen. Die Notenbanken und, in ihrem Bunde, die Finanzmärkte sind so mächtig geworden, daß sie jede Regierung abstrafen können, die versuchen sollte, Inflationspolitik zu betreiben. Das Ergebnis läßt sich an den Zahlen ablesen. In den großen Industrieländern (G-7) hat die Teuerung 1,0 Prozent erreicht, den niedrigsten Wert seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Inflation, vor kurzem noch als Hauptübel der Wirtschaft gefürchtet, ist tot. Und das Gegenteil davon ist zum ersten Mal seit sieben Jahrzehnten wieder möglich geworden: Deflation.

Der Expertenstreit geht darum, ob es sich gegenwärtig noch um eine erfreuliche "Disinflation" handelt oder um Vorboten einer gefährlichen Deflation. Die Warner weisen erstens darauf hin, daß in der Statistik Preiserhöhungen systematisch überschätzt werden. Hinter einer gemessenen Inflation von 0,2 Prozent verberge sich in Wirklichkeit eine Deflation von knapp einem Prozent. So argumentiert zum Beispiel Heiner Flassbeck, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Volkswirte amerikanischer und britischer Banken sorgen sich vor allem wegen des deflatorischen Drucks aus Asien. Schließlich sind Industriegüter aus Korea heute, in Dollar gerechnet, um 20 Prozent billiger als vor einem Jahr. Und die Finanzexperten fürchten, daß China, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, doch seine Währung, den Renminbi, abwertet und eine neue Preissenkungsrunde einleitet. Auch "in Euroland treten Deflationsgefahren immer mehr hervor", glaubt Joachim Fels, Volkswirt bei Morgan Stanley Dean Witter in Frankfurt. So schlimm wird es nicht werden, argumentiert eine andere Gruppe von Ökonomen. Holger Schmieding, Chefvolkswirt für Europa bei Merrill Lynch in London, weist darauf hin, daß die Preise derzeit in wachsenden Märkten (etwa der Telekommunikation) fallen und nicht, wie 1929, in schrumpfenden. Thomas Mayer von Goldman Sachs in Frankfurt sieht gar drei Gründe gegen die Deflationsangst: Erstens liege die sogenannte Kerninflationsrate, aus der zum Beispiel die Ölpreise herausgerechnet werden, stabil bei 1,4 Prozent. Zweitens wüchsen die Geldmenge (plus 5,7 Prozent im Januar) und die Kreditvergabe der Banken (plus 10,5 Prozent) kräftig. Drittens sei das Konsumklima fast überall in Europa günstig.

Der Streit ist nicht entschieden, aber die warnenden Stimmen sind in jüngster Zeit lauter geworden. Der einflußreiche Economist änderte auf spektakuläre Weise seine Meinung. Noch vor zwei Jahren hatte das Wirtschaftsmagazin Berichte über das Ende der Inflation für "Unsinn" erklärt, jetzt warnten die Leitartikler in London vor der "neuen Gefahr" der Deflation und bildeten als Illustration auf der Titelseite einen Sensenmann ab.

Woher die Angst vor der Deflation? Sinkende Preise sind zunächst nichts Schlechtes: Das Geld ist mehr wert, die Verbraucher können also theoretisch, ohne Gehaltserhöhungen, mehr kaufen und so für die nötige Nachfrage sorgen, um die Wirtschaft wachsen zu lassen. Dieser "Realkasseneffekt", zum ersten Mal von dem Ökonomen Arthur Cecil Pigou (1877 bis 1959) beschrieben, hat nur einen Nachteil: Man kann sich nicht auf ihn verlassen. 1929 vernichtete der Börsenkrach das Vermögen von Millionen Amerikanern. Trotz sinkender Preise schränkten sie ihren Konsum drastisch ein, weil sie hofften, daß die Preise noch weiter sinken würden. Die Unternehmen setzten somit weniger ab und reduzierten die Löhne - die Spirale nach unten setzte sich fort. Genau davor haben die Pessimisten Angst. Tatsächlich wird die Weltwirtschaft derzeit vor allem von den amerikanischen Verbrauchern in Gang gehalten. Deren Optimismus gründet auf den exorbitant gestiegenen Aktienkursen, fast jeder zweite Amerikaner besitzt Aktien oder Anteile an einem Aktienfonds.

Von kurzen Schwächeperioden abgesehen, geht es an der Wall Street seit Anfang dieses Jahrzehnts nur bergauf. Erst in diesen Tagen erreichte der Dow-Jones-Index erneut ein Rekordhoch, die magische Grenze von 10000 Punkten ist zum Greifen nahe. Dabei hatte Amerikas Notenbankchef Alan Greenspan den Anlegern schon vor gut zwei Jahren "irrationalen Überschwang" vorgeworfen. Seither sind die Kurse noch einmal um 60 Prozent gestiegen, wie Roger Bootle vorrechnet, Autor eines Buches über den Tod der Inflation.

Genau hier liegt die Krux: Was passiert, wenn die Jahrhunderthausse an der Wall Street zu Ende geht und die Kurse sinken? Wenn die amerikanischen Verbraucher ihr Geld zusammenhalten und gleichzeitig Asien immer noch in der Krise steckt? Dann würden die Preise vermutlich auch in Europa kräftig sinken.