Seit Jahren ertönen immer wieder Warnungen, die Fruchtbarkeit des Mannes sei bedroht, die Spermienzahl im Ejakulat nehme ab und der Hodenkrebs zu. Doch dem Thema Spermiensterben geht es ähnlich wie dem Waldsterben. Punktuelle Warnungen nach erfolgtem Spermien- oder Blätterzählen werden jeweils überlagert vom Gesamtbild: Die Wälder wachsen vielerorts schneller als je zuvor - und die Weltbevölkerung auch. Doch nun erhält die Diskussion um Die bedrohte Zukunft (so der Titel eines US-Bestsellers) der Keimdrüsen des Mannes neuen Schub, fort von der chemischen hin zur Hitzesterilisation.

Am 1. März verkündete der Verband der Chemischen Industrie (VCI): "Der Verdacht, bestimmte Industriechemikalien würden den Hormonhaushalt des Menschen nachhaltig stören, ist wissenschaftlich nicht länger haltbar." Also Schluß mit der Hypothese, Umweltgifte ("Xeno-Östrogene") könnten ähnlich verweiblichend wirken wie das Sexualhormon Östrogen?

In dieser Woche geht die Fruchtbarkeitsdebatte weiter: So befaßt sich die Deutsche Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie (DGPT) auf ihrer Frühjahrstagung in Mainz mit dem Thema. Ihre eigens eingerichtete Beratungskommission "Hormonell aktive Substanzen in der Umwelt" veröffentlichte kürzlich eine fundierte Stellungnahme (DGPT-Forum, Februar 1999) mit dem Tenor: "Die verfügbaren Informationen lassen das Ausmaß der Gefährdung für den Menschen gering erscheinen." Doch auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie DGE tagt in Kiel. Und sie bringt eine neue Erklärung für das Spermiensterben ins Spiel: Verantwortlich dafür sei eine frühe Schädigung überwärmter Hoden im Babyalter durch moderne Einwegwindeln.

DGE-Tagungspräsident Wolfgang Sippell, Professor für pädiatrische Endokrinologie an der Universität Kiel, und seine Mitarbeiter haben Temperaturen an 22 männlichen Babys im Alter von einem bis zwölf Monaten gemessen - einmal mit Wegwerfwindeln gewickelt, einmal mit klassischen Baumwollwindeln. Den Kleinen wurden beidseits des Hodensacks (Skrotum) Temperaturfühler mit Klebestreifen fixiert, dann wurde einen Tag lang die Skrotaltemperatur registriert. Dabei stellten die Kieler Ärzte fest, daß sich in den Plastikwindeln die Hodentemperaturen kaum mehr von den Körpertemperaturen unterscheiden: Im Durchschnitt betrug die Temperaturdifferenz nur noch exakt ein Grad, die maximalen Skrotaltemperaturen waren sogar identisch mit der Körpertemperatur. In der Baumwollverpackung dagegen betrug die durchschnittliche Temperaturdifferenz zwischen Skrotum und Körper 2,1 Grad.

"Auf die Idee hat uns eine erfahrene Kinderärztin gebracht", erzählt Sippell. "Ihr war aufgefallen, daß bei fiebernden kleinen Jungs die Hoden unter den Wegwerfwindeln oft glühen. Schließlich ist es eine Lehrbuchweisheit, daß Hodenhochstand, also nicht ins Skrotum herabgewanderte Hoden, zur Unfruchtbarkeit führen kann. Und es ist bekannt, daß überwärmte Hoden weniger Spermien produzieren." Also liege die Vermutung nahe, der Spermienschwund könnte auch wärmebedingt sein.

Vor solch einfachen Erklärungen warnt jedoch Eberhard Nieschlag, Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin an der Universität Münster und einer der führenden deutschen Andrologen. "Die erhöhten Hodentemperaturen in Wegwerfwindeln sind interessante Beobachtungen", sagt Nieschlag. "Es lohnt sich, dem weiter nachzugehen. Doch ich warne davor, jetzt schon voreilige Schlüsse zu ziehen." Er mißtraut Lehrbuchweisheiten aus Erfahrung. So hieß es lange Zeit, Krampfadern (Varikozelen) am Hoden, die relativ häufig mit Unfruchtbarkeit einhergehen, seien operativ zu beheben, eben weil sie die Hoden unzulässig erwärmten. Nieschlag bildete zwei Gruppen solch unfruchtbarer Männer: Die einen wurden operiert und beraten, die anderen nur beraten, wie sie am besten ihre Unfruchtbarkeit überwinden könnten. Und siehe da, beide Gruppen waren gleich erfolgreich beim Kinderzeugen. Die Operation ist also oft überflüssig.

"Man weiß auch aus Experimenten an erwachsenen Ratten, daß diese nach einem Bad in 40 Grad warmem Wasser einen Hodenschaden für das nächste Jahr davontragen. Aber bei jungen Ratten bleibt dieser Effekt aus, weil die spermienproduzierenden Zellen noch gar nicht aktiv sind. Ähnliches könnte auch für Babys gelten."