Selfkant/Raeren/Vaals Über hundert europäische Grenzregionen fördert die EU-Kommission mit Milliarden von Mark, um die Einigung Europas voranzutreiben - darunter Projekte wie ein Orgelfestival in Limburg samt Konferenz über Orgeln in der Euroregion Maas-Rhein. Doch der Alltag bleibt rauh. Und je durchlässiger die Grenzen werden, um so heftiger prallen die Sozial- und Rechtssysteme aufeinander. Daß viele Grenzgänger die unterschiedlichen Löhne und Preise zu ihrem Vorteil nutzen, verschärft die Spannungen und belebt alte Vorurteile. Vorbei ist es mit der Ruhe in Selfkant (Deutschland), in Raeren (Belgien), in Vaals (Niederlande).

Peter Hamers' Haus steht am westlichen Rand der westlichsten Gemeinde Deutschlands, des nordrhein-westfälischen Selfkant. Wenn er aus seinem Fenster sieht, hat er einen herrlichen Blick ins Grüne. "Das ist bereits Holland." Als der Steuerberater hier 1961 baute, waren Grund und Boden noch niederländisch. Das aus mehreren Dörfern bestehende Selfkant war 1949 von Holland annektiert worden - als Kriegsentschädigung. Doch 1963 kaufte die Bundesrepublik die Gemeinde für 280 Millionen Mark zurück, und all die Niederländer, die wie Hamers von ihrer Regierung hier angesiedelt worden waren, wurden plötzlich zu Ausländern.

"Sollte ich wieder abhauen? Nein", sagt Hamers. Statt dessen gründete er noch im selben Jahr die Interessengemeinschaft der Niederländer, die er bis heute führt. Sie schlägt sich vor allem mit jenen Problemen herum, die aus den höchst ungleichen Sozial- und Rentenversicherungen und Besteuerungen entstehen. Zahlreiche Prozesse habe er deswegen schon angestrengt, sagt Hamers.

Grenzgänger genießen die Infrastruktur zum Nulltarif Er versteht seinen Verein auch als politische Interessenvertretung. Denn die 8300 deutschen Selfkanter, sagt Hamers grimmig, hätten die 1200 Holländer von Anfang an spüren lassen: "Ihr habt hier nur Pflichten und keine Rechte!" Der 1995 eingerichtete Ausländerbeirat, dem Hamers ebenfalls vorsteht, ändere daran nichts. In einigen Ausschüssen dürften die Holländer jetzt mitberaten, mit abstimmen dürften sie nicht.

Das alles soll sich ändern. Bei den nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen im September, an denen erstmals auch EU-Bürger teilnehmen dürfen, tritt Hamers' Interessengemeinschaft als Wahlliste mit dem neutralen Namen Pro Selfkant an. Das Wahlprogramm: Mehr Sachverstand und weniger Parteienstreit, mehr Bürgernähe und weniger Schulden.

Bürgermeister Willi Otten (CDU) gibt sich "sehr überrascht": "Ich hatte immer den Eindruck, die Niederländer fühlen sich in Selfkant gut aufgehoben." Viele Selfkanter wüßten doch gar nicht, "ob der Nachbar einen deutschen oder einen holländischen Paß hat".

Otten fürchtet, die Liste werde die Selfkanter Bevölkerung "auseinanderdividieren". Schon regten sich Ressentiments, zum Beispiel wegen der Transitstraße, die aus Holland nach Selfkant hinein- und am anderen Ende wieder nach Holland hinausführt, ohne Zu- oder Abfahrten auf deutschem Gebiet.