Der Mann verkörpert den amerikanischen Traum. Carl Lindner wurde kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges in einer armen Gegend der US-Stadt Cincinnati geboren und verließ die Schule mit 14. Einige Jahre arbeitete er in der Molkerei seiner Eltern, übernahm schließlich den Betrieb und machte ihn zum Fundament eines Firmenimperiums, zu dem heute Versicherungsunternehmen und Nahrungsmittelhersteller gehören. Auch Chiquita Brands International, der weltgrößte Produzent und Lieferant von Bananen, ist Teil des Konglomerats. Dessen geschätzter Wert: 13 Milliarden Dollar.

Vom Molkereilehrling zum vielfachen Dollarmillionär und Bananenkönig: Der 79jährige Lindner, strenggläubiger Protestant, Nichtraucher und Abstinenzler, hat fast alles erreicht, was einen guten amerikanischen Unternehmer ausmacht. Auch bei den Großen der Politik geht er ein und aus. Ronald Reagan zählt ebenso zu seinen Bekannten wie George Bush, Bob Dole und Newt Gingrich. Bei Bill Clinton übernachtete Lindner im Weißen Haus, mit Al Gore telefonierte er. In Washington ist der Firmenpatriarch eine graue Eminenz: prominent, einflußreich, und - wegen Millionenspenden für Parteien und Politiker - sehr beliebt.

Möglich, daß Lindners Großzügigkeit und seine guten Kontakte ihm jetzt helfen, in einem der sonderbarsten Handelskonflikte der vergangenen Jahre recht zu erhalten. Chiquita hat bekommen, was wenigen Unternehmen in Amerika vergönnt ist: die uneingeschränkte Hilfe der Regierung in Washington, die im Bananenkrieg mit Europa die Sache der Firma vertritt. Zwar geben Behörden und Politiker in der amerikanischen Hauptstadt vor, daß es bei dem transatlantischen Streit keinesfalls um ein einzelnes Unternehmen, sondern um das Prinzip eines freien und ungehinderten Handels gehe. Ohne Chiquita hätte es den Konflikt allerdings nicht gegeben, halten Kritiker auch in den Vereinigten Staaten dagegen.

Klar ist: Kaum ein anderer Unternehmer hat in den vergangenen Jahren so viel Geld ausgegeben, um in Washington Gehör zu finden, wie Carl Lindner. Nach Angaben der Organisation Common Cause bedachten der Finanzier und seine Familie Politiker und Parteien seit 1988 mit weit über drei Millionen Dollar. Das Geld ging an Empfänger auf beiden Seiten des politischen Spektrums - was darauf hindeutet, daß Überzeugungen eine nachgeordnete Rolle spielten. "Beiden Seiten zu geben ist ein klarer Beweis dafür, daß es darum geht, Einfluß zu erkaufen", sagt Ann McBride, Präsidentin von Common Cause.

Klar ist aber auch: Das Unternehmen aus Cincinnati hat allen Grund, über das Importregime der Europäer zu klagen. Chiquita braucht offene europäische Märkte, wenn es an frühere Erfolge anknüpfen will. In den achtziger Jahren war die Firma der dominante Bananenhändler auf dem Alten Kontinent. Seit 1992 aber ist ihr Marktanteil in Europa ständig gesunken. In vier der letzten fünf Geschäftsjahre mußte Lindners Unternehmen rote Zahlen schreiben. Der Aktienkurs Chiquitas war Ende 1998 niedriger als 1988, die Verschuldung lag bei über einer Milliarde Dollar.

Der Grund für das schlechte Ergebnis, so jedenfalls die Sprachregelung bei Chiquita, sei Europas Präferenzregime, das seit 1993 Bananeneinfuhren aus ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika und der Karibik bevorzugt. Deshalb werden Chiquita-Produkte, die überwiegend aus Mittel- und Südamerika stammen, mit teilweise hohen Zöllen belegt. Europas Protektion habe das Unternehmen in den neunziger Jahren über eine Milliarde Dollar gekostet, klagt Chiquitas Präsident Steve Warshaw.

Politische Fehlkalkulationen spielten dabei eine gewichtige Rolle. Kurz vor der Einführung des europäischen Binnenmarkts hatten Lindner und seine Manager auf einen weitgehend offenen Bananenmarkt in Europa vertraut und gut 800 Millionen Dollar in den Ausbau der südamerikanischen Produktionsstätten und den Bau neuer Schiffe gesteckt. Osteuropa galt als potentielle Bananen-Bonanza, als vielversprechende Goldmine. "Unsere Spitzenposition im Westen macht Wachstum auch im Osten möglich", hieß es noch 1991 im Jahresbericht des Unternehmens. Brüssels Barrieren indes halbierten die Chiquita-Verkäufe auf dem Alten Kontinent. Die Folge: sinkende Profite und eine steigende Verschuldung, die nur durch Firmenverkäufe aufgefangen werden konnten.