Die Goldhagen-Debatte hat die Frage nach Art und Ausmaß des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft neu aufgeworfen. Erstaunlicherweise ist diese Frage für die unmittelbare Vorgeschichte des "Dritten Reiches", die zwanziger und frühen dreißiger Jahre, nur höchst unzureichend erforscht. Um so mehr Aufmerksamkeit verdient Dirk Walters Buch über Antisemitische Kriminalität und Gewalt in der Weimarer Republik. Es ist überhaupt die erste gründliche Untersuchung zu diesem Komplex, und man kann wohl annehmen, daß sie für einige Diskussionen sorgen wird.

Bislang haben wir uns mit der Vorstellung beruhigt, daß die Judenfeindschaft in Deutschland vor 1933 sich nicht viel anders als in den westlichen Ländern, jedenfalls deutlich weniger aggressiv gezeigt habe als in Osteuropa. Trotz mancherlei Diskriminierung sei ein allmähliches Hineinwachsen der Juden in die deutsche Gesellschaft zu beobachten gewesen. Erst mit der Machtübernahme Hitlers sei dieser Prozeß der Integration abgebrochen worden. Und erst jetzt sei es für die deutschen Juden bedrohlich geworden.

Dieses Bild bedarf, wenn nicht alles täuscht, einer Korrektur. Dirk Walter hatte als einer der ersten Historiker Gelegenheit, die im Moskauer "Sonderarchiv" aufgefundenen Akten des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auszuwerten; darüber hinaus hat er in zahlreichen deutschen Archiven geforscht. Seine auf breitem Quellenfundament beruhende Studie zeigt: Bereits in der demokratischen Republik von Weimar war antisemitische Gewalt alltäglich. Sie richtete sich nicht nur gegen jüdische Einrichtungen - Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte -, sondern gegen die jüdische Minderheit selbst. Diese war bereits vor 1933 in ihrer Sicherheit bedroht. Pogromartige Ausschreitungen und - parallel dazu - Überlegungen innerhalb der Präsidialregierung Papen, die staatsbürgerlichen Rechte für die Juden einzuschränken, signalisierten einen neuen Grad der Gefährdung.

Scharf markiert der Autor die Zäsur von 1918/19. Die durch den Zusammenbruch des Kaiserreichs traumatisierten alten Machteliten und die nationalkonservativen Teile des Bürgertums suchten nach einem Sündenbock, und sie fanden ihn in den Juden. Seit Ende 1918 wurden Stadt und Land von antisemitischen Flugblättern geradezu überschwemmt. Neu war nicht nur die starke öffentliche Präsenz der Agitatoren, sondern auch der Inhalt ihrer Schriften. Denn unverblümt riefen sie zu Gewalt gegen Juden auf. Walter spricht von einer "Offensive des Pogromantisemitismus". Als eine Stimme unter vielen zitiert er den Leipziger völkischen Aktivisten Heinrich Pudor, der im August 1919 erklärte, "daß uns jedes Mittel recht ist, von den Juden befreit zu werden, und daß wir gegen Pogrome, wenn sie ihren Zweck erfüllen, nichts einzuwenden haben".

Die neugegründete Deutschnationale Volkspartei distanzierte sich zwar von offener Gewalt, nicht aber von den Zielen der Radikalantisemiten. Auch in ihren Reihen wurde der Ruf nach einem "Judenparagraphen", das heißt nach Ausschluß von Juden aus allen deutschnationalen Organisationen, und nach "Verhinderung weiteren jüdischen Zuzuges" aus Osteuropa laut. Ein großes Verdienst dieser Studie liegt in dem Nachweis, wie fließend die Übergänge zwischen völkischem "Radau-Antisemitismus" und dem um Seriosität bemühten "Vernunft-Antisemitismus" waren.

München - ein Tummelplatz der Radikalantisemiten

So sprach sich auch der angehende Lokalmatador der bayerischen Rechtsradikalen, Adolf Hitler, in einer seiner ersten schriftlichen Äußerungen vom September 1919 gegen einen "Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen" und für einen "Antisemitismus der Vernunft" aus, dessen "letztes Ziel" freilich "unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein" müsse. Gleichzeitig tat der Bierkelleragitator jedoch alles, um mit seinen Hetzreden den Haß seines Publikums gegen "die Juden" aufzupeitschen.