Es sind die kleinen Ärgernisse, die den nervösen Fluggast wünschen lassen, er wäre lieber zu Hause geblieben. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn das Flugzeug abhebt, diese ungeahnten Begegnungen beim Durchfliegen von Luftlöchern ("Hallo Frühstück! Du schon wieder?). Diese Zahnarztstimme des Kapitäns, der nicht "Jetzt wird es gleich mal ein bißchen weh tun" sagt, sondern "Wir kommen jetzt durch ein Schlechtwettergebiet" - was ja aufs gleiche hinausläuft.

Wer das alles hinter sich gebracht hat, wird jedenfalls ein ganz neues Verständnis für den Papst entwickeln: Klar, daß der an jedem Flughafen erst mal die Rollbahn küßt, dankbar, der fliegenden Höllenmaschine für diesmal entronnen zu sein. Doch was hilft der feurigste Bodenkuß gegen den menschlichen Faktor?

Es war auf dem Mallorca-Rückflug. Die Maschine war vollbesetzt und eigentlich startklar. Da ließ sich der Pilot via Lautsprecher aus dem Cockpit vernehmen: Das Flugzeug könne leider erst etwas später abheben. Seit einigen Tagen sei es nämlich international zu einer partiellen Neustrukturierung des Luftraums gekommen, weswegen es "Umstellungsschwierigkeiten" geben könne.

Er bat um Verständnis und ließ uns mit Panik und wirren Phantasien allein: vagabundierende Maschinen, die führerlos durch den neu strukturierten Luftraum treiben, weil Fluglotsen sich nicht mehr zuständig fühlen? Endlose Runden in der Luft, weil alle Landebahnen Umstellungsschwierigkeiten haben? Terror am Tower? Randale statt Radar?

Weil sich aber, wo Gefahr ist, das Rettende gern verkrümelt, schlug die Stunde der Wichtigtuer: Ein paar Reihen vor uns belehrte ein Mittdreißiger seine erheblich jüngere Begleiterin über die schlimmsten Flugkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Natürlich galten seine Worte nicht nur ihr, denn er sprach ziemlich laut. Sie beide, fand er, hätten im Unglücksfall noch leidliche Überlebenschancen. Aber die da vorne, auf den Sitzplätzen nahe dem Cockpit ... Andererseits: "Wenn so 'n Vogel runterknallt, ist es eh vorbei."

Die kollektive Verachtung wuchs. Alle merkten es, selbst die Freundin des Schwätzers, die sich unbehaglich unter den Blicken der Umsitzenden wand. Doch ihr Begleiter tönte weiter: Er habe ein schönes Leben gehabt, und wenn er jetzt stürbe, müsse er nicht unter Altersgebrechen leiden. Nur für seine Angehörigen wäre es ein Schock. Wenn er da an seine Eltern denke ...

Da drehte sich eine ältere Dame aus einer vorderen Reihe um. Blickte ihn freundlich an, und sagte: "Wissen Sie, junger Mann, ich bin sicher, Ihre Angehörigen werden darüber hinwegkommen." In Berlin habe ich ihr Blumen gekauft.