Was ist eigentlich so anziehend an André Raffrays Umgang mit Bildern und Bildsprachen anderer? Was macht seine Kunst der Nachahmung so spannend, daß nun auch die Bundeskunsthalle in Bonn einen Ausschnitt aus dem schmalen Werk des 73jährigen Franzosen zeigt?

Vermeintlich Sensationelles wird glücklicherweise nicht geboten. Auch geht es weder um klassische Kopien noch um einen braven Kopisten. Die Schau liefert vielmehr bildnerische Kammermusik: die Demonstration hintersinniger und überaus geduldiger Beschäftigung mit bewunderten Meistern. Lob den anderen (Eloge des autres) heißt sie denn auch folgerichtig - was heute eher überraschend klingt.

Der Tatbestand ist einfach, die Ausführung vielschichtig, die Wirkung beharrlicher Aneignung virtuos bis raffiniert. Raffray, Fotograf und ehemaliger Trickfilmzeichner, geht seit rund 20 Jahren Werken der neueren Kunstgeschichte fotografierend nach, um sie sich dann mit Hilfe anderer bildnerischer Techniken anzuverwandeln. Er entwickelte eine spezifische Form der Spurensuche; und daraus wurde die subjektive Version jener uralten Praxis, die Kunst aus Kunst entstehen läßt.

Raffray geht praktisch und bedachtsam vor. Am Anfang seiner Arbeit stehen die Verehrung der Künstler und die Freude über die Schönheit der Malerei: Cézanne, Picasso, Matisse, Seurat, Vallotton, auch Mondrian. Bestimmte Gemälde und Zeichnungen nimmt er sich zum Thema. Wobei es nicht unbedingt seine Adaptionen kunsthistorischer Großereignisse wie der Demoiselles d'Avignon sind, die Raffray als erstaunlich eigenwilligen Konzeptkünstler ausweisen. Diese augentäuschenden Farbstiftversionen nach Picasso, Matisse oder Rousseau sind artistische Glanzleistungen im Großformat der Originale. Doch die Wahrnehmung des Betrachters beflügelt der Künstler eher mit seinen Interpretationen von Nebenschauplätzen: etwa der bescheidenen Ansicht von Mondrians Domburger Kirche in zwei Varianten oder der Übernahme von Turners Panorama von Dieppe. Das Spannungsvolle liegt in der Methode und nicht im Glanz der Ausführung. Der Reisende Raffray arbeitet am Ursprung seiner Bildvorlagen, "sur le motif". Das heißt: Er sucht, oft mühselig, den Ort, achtet auf Blickwinkel, Tages- und Jahreszeiten, fotografiert, setzt um, hält sich ans ursprüngliche Format, benutzt Ölfarben, Farb- und Bleistiften.

Über diese beharrliche Annäherung an die Wirklichkeit von Kunstwerken führt Raffray getreulich Buch. Seine Notizblöcke - in schier endlosen Reihungen in der Ausstellung zu sehen - verzeichnen Stunde, Tag, Monat. Die Zeit vergeht, die Motive nehmen Gestalt an. Vor- und Nachbilder treffen sich auf unterschiedlichen Gedanken- und Zeitebenen. Was bedeutet, daß buchstäblich Risse durch die Bilder gehen können: Früher und Heute, gezeichnete Kopie von Malerei und daneben Fotografie, ja sogar malerisches Zitat, kombiniert mit Videofilm. Die Realität einer Zeichnung, die Wirklichkeit eines wiedergefundenen Ortes, die Genauigkeit und Sorgfalt verehrender Zuneigung, die Demut eines Außenseiters, der obsessiv mit seinem Thema umgeht. Das alles und nicht allein die Fähigkeit bloßen Kopierens macht Raffrays Arbeit so anziehend.

Bundeskunsthalle bis zum 11. April; Katalog 35 Mark