Was erzählen sich Freundinnen über den ersten Mann, den ersten Kuß, den ersten Sex? Wer auf intime Bekenntnisse scharf ist, kann sich jetzt in zwei Bücher vertiefen, die der Rowohlt Verlag, offenbar in einem Anfall postfeministischer Umnachtung, als Frauenliteratur anpreist. Vom Ende der Unschuld und Große Gefühle, kleine Katastrophen verkörpern, wie der Werbetext suggeriert, "das erotische Gedächtnis einer Frauengeneration". Kein guter Slogan, wie sich schnell erweist. Denn das Niveau beider Werke bewegt sich allenfalls auf der Höhe jener Bettvorleger, die wahrscheinlich Zeuge der geschilderten Deflorationsübungen waren.

Für beide Bände steht die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Naomi Wolf gerade, einmal als Autorin, das andere Mal als Mentorin. Vom Ende der Unschuld erzählt zunächst von den Torturen, die die Mittdreißigerin Wolf und ihresgleichen während der sexuellen Revolution erlitten haben. Von einer Befreiung dank Flower-power könne nämlich nicht die Rede sein, behauptet die Autorin. Angeblich frönten amerikanische Teenager schon in der Nachkriegsära allen Varianten präkoitalen Vergnügens - mit elterlichem Segen. Erst in den sechziger Jahren sei diese Freizügigkeit unter dem Regiment phalluszentrierter Hippies kollabiert, die ihre Nachkommenschaft mit lustfeindlichen Enthüllungen via Sexualkundeunterricht malträtierten.

Es bleibt ein Rätsel, wie diese abenteuerliche Geschichtsmoral unbeanstandet das Lektorat passieren konnte. Offenbar gelten die fundamentalen Regeln historischer und soziologischer Genauigkeit in manchen Verlagsetagen mittlerweile als überflüssiger Plunder.

Wo die Wolfsche Revision der Roaring Sixties zuschlägt, verblassen sämtliche Emanzipationsgewinne. Schließlich endete der Aufbruch, wie Frau Wolf beklagt, als patriarchale Versklavung unter der Knute geldgeiler Sex-Magnaten. Dem Terror von Penthouse, Hustler und Konsorten fielen vor allem Mädchen zum Opfer. Statt sich als "sexuelle Göttinnen" zu entdecken, blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Zicken- oder Schlampendasein. Unter solchen Vorzeichen geriet die Entjungferung zum glatten Reinfall. Zauberhafte Backfischträume lösten sich in Luft auf: statt Zärtlichkeit und Leidenschaft nur ödes Vorund Nachspiel.

Über die Empfindungen der jugendlichen Liebhaber schweigt Naomi Wolf sich aus. Statt dessen sieht sich die Leserin 430 Seiten lang mit schwesterlichen Schuldgefühlen bombardiert, weil schamlose Medien, unfähige Eltern und rücksichtslose Machos "den Wert und die Macht weiblichen Begehrens" einfach nicht wahrhaben wollen. Die Welt, so lautet die Botschaft, solle gefälligst zur Kenntnis nehmen, daß "Frauen sehr viel sinnlicher sind als Männer". Soviel Blödsinn verpufft nicht wirkungslos: Das Wolfsche Lieblingsprojekt einer éducation sexuelle vereint alles, was die Eso-Szene an wabernden Weiblichkeitsmythen aufzubieten hat.

An Trivialitäten mangelt es auch dem Sammelband über Große Gefühle, kleine Katastrophen nicht. Zwanzig Autorinnen erinnern sich an frühreife Affären und verzweifelte Versuche, ihr Jungfernhäutchen loszuwerden. Sie hätten es besser im stillen Kämmerlein getan.

Sieht man von ein paar gelungenen, weil humorvollen, exotischen oder einfach überraschenden Beiträgen ab (Petra Oelker, Pia Frankenberg, Rita Mae Brown), kommen die meisten Episoden als belletristisch aufgemotzte Brigitte-Kolumnen daher. Manchmal ist sogar das literarische Feigenblättchen stiftengegangen: "Heute bin ich 26 Jahre alt und kann meine Sexualität leben und genießen", läßt Wiebke Lorenz wissen. Auf Nachrichten dieser Art hat die Welt gewartet.