Wie viele Essays und Bücher hat Werner Spies über Max Ernst publiziert, wie viele Ausstellungen konzipiert und eröffnet? Ein Seminarist kann es nachzählen, vielleicht bei einer dreistelligen Zahl landen und dann den lobenswerten Entschluß fassen, selber nicht über Max Ernst zu schreiben. Ein langjähriger Beobachter dieser Beziehung aber kann sich vor allem darüber verwundern, daß es Werner Spies, dem Herausgeber des OEuvre-Katalogs von Max Ernst, immer wieder gelingt, neue Funde zu machen, überraschende Zusammenhänge offenzulegen. Keine Ermüdungserscheinung, nirgends, und deshalb gilt dasselbe für das Publikum, den Betrachter, den Leser. Mit anderen Worten: die Kunst von Max Ernst ist und bleibt unverbraucht. Kein Wunder bei einem Künstler, der den Tagesablauf eines Malers einmal so beschrieb: "Als erstes bohrt er am Morgen ein Loch in die himmlische Rinde, die zum Nichts führt. Dann köpft er eine Tanne und verfehlt seine Laufbahn ..."

Eine nicht nur numerisch große Retrospektive war vor zwanzig Jahren am selben Berliner Ort zu sehen, in der Nationalgalerie, damals war es die erste große Ausstellung nach dem Tod von Max Ernst im Jahr 1976; am Katalog hatten neben Spies inspirierte Kunsthistoriker wie Thomas Gaehtgens und Günter Metken (auch er ist, zusammen mit Sigrid Metken, in den OEuvre-Katalog involviert) mitgearbeitet. Und nun, am Vorabend der Hauptstadt, Max Ernst in Berlin, etwas weniger umfangreich. Eine Gelegenheit, neben Mahnmalentwürfen, Schloßbeschwörungen und anderen Gigantomanien sowie der staatlich legitimierten Machtergreifung der zeitgenössischen Künstler in den neuen Regierungsgebäuden einen deutschen Künstler zu sehen, der, ähnlich wie Heinrich Heine, vor allem eines sein wollte: ein freier Kopf und Weltbürger. Auch ohne Karenztage.

Im Werk von Max Ernst entfaltet sich, Kunstgeschichte und Geistesgeschichte zugleich, eine aufrührerische, ironische Gegenwelt zur Realität seiner Zeit, die auch fünfzig Jahre später noch unsere Zeit ist. Steigerungsformen inklusive. In seinen Bildern, Skulpturen und Büchern formulierte er einen Widerstand gegen den Opportunismus, die Dummheit, den Zwang, die Konvention (so hieß in den zwanziger Jahren die Political Correctness), den Terror aller Arten. Er agierte nicht mit Schlagwörtern oder Schlagbildern, sondern in der Verkleidung des Vogels Loplop, seines gleichermaßen bedrohlichen wie höflichen Alter ego und Spiegelbildes. Er arbeitete auf den Spuren von Alice im Wunderland, eine späte Arbeit von ihm heißt Lewis Carrolls Wunderhorn. Aber er schaute nicht nur hinter den Spiegel und auf die Mädchen und unter die Wörter, sondern auch auf die Bohlen am Boden, in denen er die Struktur des Waldes erkannte, in den Katalog mit den Angeboten einer Lehranstalt, aus dem er sich die Apparate und Objekte einer fernen Dingwelt holte. Er las Freuds Traumdeutung und Nietzsches Fröhliche Wissenschaft und Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum.

Welch ein modisch mediales Mißverständnis, daß man glaubt, ausgerechnet Max Ernst heute durch das die Ausstellung präludierende Bildgewitter einer "Medienschleuse" aktualisieren oder einem jungen Publikum attraktiv machen zu müssen. Umgekehrt wäre ein Schuh oder auch eine Jungfrau daraus geworden. Max Ernsts Kunst ist nicht multimedial, sondern kaleidoskopisch. Sie überredet nicht, sondern illuminiert. Dauer des Blitzes hat Werner Spies seinen Katalogtext genannt, mit einem Zitat aus Dostojewskijs Idiot Max Ernsts Werk in einer erhellenden Kurzformel zusammenfassend. Und wer wache Augen hat, der wird gerade in den Arbeiten des jungen Künstlers, den kleinformatigen Gouachen und Collagen der zwanziger Jahre sehen, wie das Gewitter der disparaten Bilder aus der Kunst, der Mythologie, der Astronomie, der Anatomie, der Botanik und den Büchern sich neu und fremd versammelt, sich niederschlägt in Figurationen und Landschaften, deren Phantastik zu real ist, um virtuell zu sein. "Wer Augen hat, zu sehen, der sehe; wer nicht, der gehe. Vertraulichkeiten sind dem Herrn ein Greuel" (Max Ernst, 1931).

"Max Ernst starb am 1. August 1914. Er kehrte am 1. November 1918 ins Leben zurück als ein junger Mann, der die Mythen seiner Zeit finden wollte." Max Ernst, 1901 in Brühl bei Köln geboren, hat sein Werk nie interpretiert, es aber ein Leben lang mit einem running commentary aus Curiosa, Anekdoten, Geschichten und Gedichten begleitet. Über sich selber schrieb er immer in der dritten Person. Das war die Schutzzone gegen die Direktheiten des Lebens, die Distanz, die ihm, auch hier war er ein Antipode von Max Beckmann, das Leben und die Arbeit möglich machte.

Die Metapher von der Wiedergeburt allerdings ist markant genug, um die Folgen des Ersten Weltkriegs deutlich werden zu lassen. Dada, Max Ernsts frühe Antikunst-Familie, hatte mit dem Ulk und der Bürgerschreck-Aktion begonnen, war dann zum Programm geworden, zum "Aufstand der Ungläubigen gegen die Irrgläubigen", zum Protest gegen die herrschenden Verhältnisse. An zwei Kölner Dada-Ausstellungen hatte Max Ernst zusammen mit seinem Freund Baargeld teilgenommen. Dann ging er 1921 nach Paris, wo er André Breton traf, Gala und Paul Eluard, sich für einige Jahre der Bruderschaft der Surrealisten anschloß, bis er, der nächste Krieg war inszeniert und diesmal total, zunächst in Frankreich interniert wurde, 1941 in die Vereinigten Staaten fliehen konnte und erst 1953 endgültig nach Europa, nach Frankreich zurückkehrte. Der höfliche Unruhestifter starb in der Nacht zu seinem 85. Geburtstag.

Au delà de la peinture/Jenseits von Malerei hatte Max Ernst, dessen Vater "Taubstummenlehrer von Beruf und Maler von ganzem Herzen war", schon früh und vor der Niederschrift dieses Programms im Jahre 1936 seine Position als Künstler gesehen. Was das heißt, zeigen die drei großen Bilder, die in der ersten Bildachse der Berliner Ausstellung nebeneinandergehängt sind: Ubu Imperator, La femme chancelante und Oedipus Rex. Drei im handwerklichen Sinne klassische Bilder, entstanden 1922/23, Öl auf Leinwand; und doch in ihrer Kombinatorik der Motive aus Maschinenbau und Mythologie, Literatur und Erotik dem Prinzip der Collage verpflichtet.