Wir sehen ihn vor uns: die schmächtige, eckige Gestalt, die riesige, gewölbte Stirn, die dem Rest des Gesichts nur noch die Hälfte läßt, das mitleiderregend kurze Kinn, das sich im Hals zu verkriechen scheint. Und ausgerechnet so einer wollte Schauspieler werden! Hat sich, überdrüssig der Juristerei, von Bühne zu Bühne beworben - hartnäckig, vergeblich. Es will einem wie ein schlechter Witz vorkommen - und war doch auch: gelebte Tragikomödie. Immer ist Christian Dietrich Grabbe, dieser bizarre Sonderling, sich selbst in die Quere gekommen - und fürchterlich schief stand er, mit all seinem Talent und seinem Genie, im Wind jener biedermeierlichen Zeiten.

Zwiespältig die Person, zwiespältig ihr Ruf. Einen "betrunkenen Shakespeare" hat ihn Heinrich Heine genannt, einen "einfachen Schnapslumpp" Friedrich Theodor Vischer. Diese Biographie taugte perfekt zur Legendenbildung. Sohn eines Zuchthausaufsehers, Alkoholiker, Exzentriker, mittelloser Poet, Spezialist fürs Unvollendete, Fragmentarische. Sein Zynismus, seine Provokationen, sein antibürgerlicher und antikirchlicher Gestus skandalisierten die Zeitgenossen, den Seelsorger vertrieb er noch vom Totenbett.

Seien wir ehrlich: So recht wissen wir auch heute noch nicht, wo wir ihn hintun sollen - mehr in die Schublade der verkrachten Genies, mehr ins Fach der genialen Bahnbrecher. Zuletzt haben ihn unsere Bühnen kaum mehr zur Kenntnis genommen, selbst der Lustspielrenner Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung ist in die Nischen der Spielpläne abgerutscht, meist nur noch Etüde für studentische Laientheater.

Jetzt aber, seit ein paar Jahren, erwacht ein neues Interesse, eine Lust auch auf jene Stücke, über die sich der Staub der Literaturhistorie für immer gelegt zu haben schien. 1993 hat Martin Kusej am Stuttgarter Staatsschauspiel den frühen Herzog Theodor von Gothland gewagt, dunkle, monumentale, gewalttätige Bilder, ein eindrucksvoll düsterer Abend. Jetzt, in der laufenden Spielzeit, widmen sich gleich zwei große Bühnen der Tragödie Don Juan und Faust - das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg und, demnächst, das Residenztheater in München.

Den Anfang hat nun Thirza Bruncken in Hamburg gemacht, eine der spannendsten Figuren der jüngeren Regiegeneration. Mit Elfriede Jelineks Stecken, Stab und Stangl, ebenfalls am Deutschen Schauspielhaus, war sie 1997 zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden; zuletzt allerdings, mit einigen ihrer neuen Produktionen am Düsseldorfer Schauspielhaus, hatte sie wenig Fortüne.

Der 1829 uraufgeführte Vierakter - das einzige Schauspiel, das zu Grabbes Lebzeiten den Weg auf die Bühne fand - ist dessen Versuch, zwei klassische Stoffe, zwei Mythen der abendländischen Moderne (und gleichzeitig Tirso de Molina, Goethe und Mozart/Da Ponte) in einem Stück zusammenzuzwingen: den Erotiker und Hedonisten Don Juan und den Geistesmagier Faust, den mediterranen Lebenskünstler und den nordischen Grübler, den Augenblicks- und den Ewigkeitssucher. Ein Titanenkampf in des Dichters Kopf - doch auf der Bühne auch ein Papierkrieg. Der Text hat offenkundige dramaturgische Schwächen, es handelt sich mehr um eine geistesgeschichtliche Konstruktion als um eine wirkliche dramatische Konfrontation. Zu Recht bemängelte Hans Mayer, das Stück habe nicht "tragische Gegenspieler", sondern nur "prominente Stars auf dem Theaterzettel" zusammengeführt.

Die Reise zum Montblanc fällt aus