Nicht nur Blut ist ein ganz besonderer Saft. Auch Geld, dessen Kreislauf häufig mit dem des Blutes verglichen wird, kann beleben, töten, faszinieren und ausgetauscht, umkämpft, verausgabt oder geopfert werden. Nachdem die spätere Kritische Theorie der Habermas-Schule das gewichtige Thema zugunsten von Kommunikationstheorie fast völlig aus den Augen verloren hat, hat das Geldmedium in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Pariser Intellektuellen (und in Deutschland Niklas Luhmann) fasziniert. Angemessen diskutiert worden ist die geldtheoretische Obsession der sogenannten Poststrukturalisten kaum. Wohl deshalb, weil sie nicht zum unsinnigen Feindbild paßte, die "neueren Franzosen" seien irrational, soziologisch desinteressiert und neokonservativ.

Der Psychoanalytiker Lacan hat das Geld einmal den "annihilierendsten Signifikanten" genannt. Das Geld sei das Zeichen, das am wenigsten um das bekümmert ist, was es bezeichnet. Auch Michel Foucault hat in seinem Hauptwerk Die Ordnung der Dinge Geld als das Zeichenmedium analysiert, das auf der Höhe der funktionalistischen Moderne ist. Jacques Derrida, dessen Denken unablässig um das Thema Geben/Nehmen kreist, hat sein Projekt der Dekonstruktion vermeintlich fester metaphysischer oder konsensueller Zeichenordnungen schon früh (im wenig gelesenen Essay Ecconomimesis) und dann vor kurzem am Beispiel des Falschgeldes entwickelt: Jedes Geld, das an sich wertvoll zu sein vorgibt, ist falsch. Jean-François Lyotard schließlich hat eine Libido-Ökonomie geschrieben, in der - denken wir nur an die Advents- und Schlußverkaufszeit - die perverse Überhöhung und Besetzung der Geld- und Warenströme zum Thema werden. Geld läßt sich eben, wie schon Goethes Faust weiß, "in alles wandeln", weil es nichts und alles ist.

Endlich liegt nun der ungemein dichte und hochanregende Essay in deutscher Übersetzung vor, den Pierre Klossowski 1970 unter dem Titel La monnaie vivante publizierte. Die deutsche Übersetzung (von Martin Burckhardt) lautet Die lebende Münze. "Lebendiges Geld" wäre ebenso angemessen. Sonderlich klar ist Klossowskis Diktion allerdings nicht. Lacan ist im Vergleich zu ihm ein Volksredner. Doch trotz aller Lust an kryptischen Formulierungen ist die These des 1905 geborenen Denkers, der in jungen Jahren dem Dominikanerorden beitrat und sich dann als Interpret de Sades und Nietzsches einen Namen machte, suggestiv: Schlechthin alles ist tauschbar, sogar einmalige Kunstwerke. Geld ist ein perverses Medium, weil es gegenüber allen religiösen und kulturellen Zentren gleichgültig ist.

Klossowski treibt diesen häufig anzutreffenden geldanalytischen Gedanken nun an eine Grenzlinie - die des schlechthin Nichttauschbaren. Alles, was wir in dem Sinne so unabdingbar besitzen, daß wir es einfach nicht tauschen können, ist der Körper, der ich bin beziehungsweise den ich habe. Sofern ich mein Körper bin und meinen Körper habe, ist der Körper mein Komplize - und ich seiner. Ebendeshalb kreist (man denke nur an Marquis de Sade, Fourier oder Nietzsche) das wollüstigste Phantasma um die exzentrischen, erotisch-thanatologischen Erfahrungen, in denen ich glühend bin, ohne mich zu haben. In Klossowskis Worten: "Ein Impuls, den wir nur deswegen pervertiert nennen, weil er sich dem Herdentrieb der individuellen Einheit, also der Fortpflanzungsfunktion des Individuums verweigert, bietet sich in seiner Intensität an als das, was nicht austauschbar und deswegen unerschwinglich ist."

Klossowskis Pointe ist es, die gängige Entgegensetzung von ökonomischer Vernunft und Exzeß zu verweigern. Denn Geld ist beides: das kalte, rationale Medium der Äquivalenz - und das heißt eben einer Gleich-Gültigkeit, der alles Jacke wie Hose ist. Doch zugleich ist Geld auch das verrückte lebendige Medium, das Zinsen abwirft, sich vermehrt und in diesem präzisen Sinne eben nicht das Medium toter, dinglicher Äquivalenz ist. Anders als viele Theoretiker des Geldes konfrontiert Klossowski "die phantasmatische Seite des Geldes" mit seiner "vermittelnden Funktion". "Während das Geld das, was existiert, repräsentiert und garantiert, wird es um so verläßlicher zum Zeichen dessen, was nicht existiert (...): das heißt des Möglichen."

Dieser Gedanke hat es in sich. In den späten Industriegesellschaften tritt nämlich kraß in Erscheinung, daß "Todestrieb und Lebensfunktion nicht voneinander zu trennen" sind. Ist es doch das "Prinzip unserer modernen Ökonomie", die "Produktion-bis-zum-Äußersten" mit dem Vernichtungs-"Konsum-bis-zum-Äußersten" zu verschränken. Danach ist das rational choice-Prinzip nicht etwa das Gegenprinzip zur Orgie. Die vermeintliche Rationalität der Ökonomie ist vielmehr selbst die Orgie.

George Bataille und in Deutschland der dissidente Psychoanalytiker und "Pathognostiker" Rudolf Heinz - auch er kein Volksredner und deshalb zuwenig gelesen - haben ähnliche Überlegungen vorgetragen. Geld, sagen sie, übt die "Funktion einer Transsubstantiation" aus. Es schafft, was es opfert; es opfert, was es schafft. "Es ist an sich selbst nichts als ein Phantasma, das einem Phantasma antwortet." Noch in der modernen Vermittlungsfigur zwischen Exzeß und Vernunft sieht Klossowski die lebende Münze am Werk. Die Wollust immer erneut aufschieben und sie auf die Zukunft hin zu rechnen - das ist die monetäre Wollust selbst. Oder mit einem Faust-Zitat: "So taumle ich von Begierde zu Genuß / Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde." Eine Begierde, für die Nietzsche ein böses Wort gefunden hat: "Keiner will sie geschenkt, sie muß sich also verkaufen."