Ist das Zufall? Genau in dem Augenblick, da die Mode ihre Verbindlichkeit aufgegeben hat, da es den Look schlechthin nicht mehr geben soll, tritt sie die Flucht nach vorn an. Wohin? Ins Museum, in die Kunst. Um nur die jüngsten und auffälligsten Beispiele zu nennen: 1996 die Biennale in Florenz, ein Versuch, Designer und Künstler werkstattmäßig zu verbinden; so viele Interessen stießen sich im Raum, daß das Echo zwangsläufig zwiespältig blieb. Und zuletzt Issey Miyake, dessen Schau Making Things in der Pariser Fondation Cartier gerade davon lebte, daß sie mit der Umsetzung von Modellzeichnungen nichts mehr zu tun hatte.

Jetzt zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg eine Ausstellung mit dem Titel Avantgarderobe - ein Jahrhundert kleidet sich in Kunst. Das klingt harmloser, als es gemeint ist. Wie heikel die Symbiose, wie schmal der Grat ist? Nehmen wir nur einmal dieses Umstandskleid aus Plastikfolie, mit einem kreisrunden Loch in der Mitte, das Platz schafft für das neue Leben. Ist das Mode? Nein. Das ist ein feministisches Statement, Baujahr 1966, von Mimi Smith.

Und was ist mit diesem roten Plastikkleid aus dem Jahr 1973, weiß gepaspelt? Ist das Kunst? Nein. Das ist ein Originalmodell von André Courrèges, jenem Designer der sechziger Jahre, der auszog, um dem menschlichen Körper endlich eine geometrische Silhouette zu geben.

Was Kunst und Mode so auf Papier und Stoff brachten, um sich zu inspirieren und gleichzeitig zu konkurrieren, ist dennoch aufschlußreich. Designer sind, bei Licht betrachtet, in einer schrecklichen Verlegenheit. Im Grunde sollen sie ja nichts anderes als unsere Kleiderschränke zweimal im Jahr ausmisten und uns davon überzeugen, daß wir die Stretchhose in Braun, den kurzen Swingermantel, das langweilige Outfit von gestern dringend weggeben sollten, damit Platz für Neues ist. Doch stets unterliegen sie der Versuchung, diese banale Absicht zu verhüllen. Immer geht es um das Große, Ganze. Um Zeitgeist und Avantgarde, um Stil und Aussage. Und so kann es auch nichts Schöneres geben, als die Affinität der Mode zur Kunst hervorzuheben. Sie dem Flüchtigen zu entreißen und emporzuheben in die Sphäre unangefochtener Bedeutsamkeit.

Überraschend unverbraucht kommen sie daher, diese Entwürfe, Fotos, Videos, die Theaterkostüme, Minimals und Collagen. Was aber macht die Mode zur Kunst? Daß sie Vergänglichkeit überwindet? Daß sie verstört, indem sie Sehgewohnheiten verletzt? Ihre Transzendenz? Ihr Umgang mit elaborierter Formensprache? Die Schau in Wolfsburg legt sich so genau nicht fest und tut gut daran. Sonst wären ihr wohl die schönsten Exponate um die Ohren geflogen.

Der Laufsteg eine Bühne; im Zickzack verläuft er quer durch die teilweise abgedunkelte Halle und präsentiert chronologisch die Experimente der Protagonisten, beginnend mit den Ausläufern der Arts & Crafts-Bewegung und den Wiener Werkstätten, mit Henri Matisse und dem großen Couturier Paul Poiret. Dessen berühmter Mantel La Perse gewinnt schon deshalb an Geheimnis, weil er aus konservatorischen Gründen nur noch flach ausgebreitet gezeigt werden darf. Den puristischen Kontrast dazu bildet Mariano Fortunys Delphos-Kleid, noch heute ein Gespinst der größten Raffinesse.

Immer wieder gab es Berührungspunkte, Überschneidungen, Begegnungen zwischen Futuristen, Surrealisten und Konzeptkunst, zwischen Wien und Paris, London und New York. Wie bei den Fotos von Man Ray, die Elsa Schiaparellis Kreationen noch surrealer machten. Wie bei Gustav Klimt und seiner Frau Emilie Flöge, deren Blusen seine Porträts zum Leuchten brachten. Den Wettlauf gegen die Vergänglichkeit gewinnt die Kunst übrigens haushoch: Intensiver als das stoffliche Original leuchtet Klimts Porträt nach 80 Jahren allemal.