Die Strecke zwischen Sanaa und Saada gehört nicht unbedingt zu den Traumstraßen der Welt. "Kidnapper-Highway" wird sie inzwischen genannt, wer sie als Ausländer fährt, wird von schwerbewaffneten Soldaten fürsorglich eskortiert. Das schmale Asphaltband windet sich durch steil abfallende Schluchten und karge Hochtäler hinauf auf 2000 Meter, turmähnliche Lehmhäuser mit schmalen Fensterschlitzen kleben wie Adlerhorste am steilen Gebirge. In kleinen Gruppen sitzen Männer am Straßenrand. Sie winken fröhlich dem vorbeifahrenden Militärkonvoi zu, jedem hängt eine Kalaschnikow über die Schulter.

"Wenn du hier als Ausländer unterwegs bist", sagt François Burgat, ein französischer Orientalist, der seit Jahren im Jemen lebt, "dann passiert es manchmal, daß dir ein paar Leute den Weg verstellen und rufen: Wir wollen endlich ein Krankenhaus, wir wollen eine Wasserleitung. Wenn es dumm läuft, nehmen sie dich einfach als Geisel und hoffen, daß ihre Stimme in Sanaa auf diese Weise etwas besser gehört wird." Es ist in den vergangenen Jahren für über 150 Ausländer dumm gelaufen im Jemen. Zuletzt wurden auf dem Weg nach Saada drei Deutsche, zwei Briten und vier Holländer von Stammeskriegern gekidnappt.

Die Jemeniten haben seit jeher eine Passion für Waffen

Bei Kilometer 120 wird das Sicherheitspersonal im Wagen spürbar nervös: Hier beginnt das Stammesgebiet der Barati, der rebellische Clan ist gewissermaßen jemenitischer Meister im Ausländerverschleppen. Deshalb rauschen wir vorsichtshalber auch mit Blaulicht und Sirene in Saada ein.

Verschleierte Frauen reißen ihre Kinder vom Straßenrand, Hirten jagen ihr Vieh von der Fahrbahn. Entsprechend ungezwungen ist denn auch die Gesprächsatmosphäre: Der lokale Scheich schwört hoch und heilig auf seine Kalaschnikow, sein Stamm habe nie und nimmer Ausländer gekidnappt, was von einem vorlauten Jugendlichen freilich etwas relativiert wird: "Wenn mal was passiert, dann werden die Ausländer wie Gäste behandelt." Saada, früher eine alte Handelsstadt auf der Karawanenroute nach Mekka, ist heute ein staubiger Marktflecken, den verkrüppelte Palmen und eine halbzerfallene Stadtmauer begrenzen. "Ihr seid willkommen", rufen die Männer. Was das Vertrauen in die Friedfertigkeit der Einheimischen freilich etwas erschüttert, ist die pathologische Passion der Jemeniten für Waffen: Krummdolch und Kalaschnikow gehören zur landestypischen Tracht. 60 Millionen Schnellfeuergewehre gibt es im Jemen, viele Stammeskrieger zahlen ihr Jahresgehalt für den Erwerb des großkalibrigen Statussymbols.

In einem Land, wo etliche Dörfer von jeder medizinischen Versorgung abgeschlossen sind, ohne Strom, ohne Telefon, ohne Wasser, wo viel Geld in die Taschen korrupter Regierungsbeamter gelangt und wenig in die verarmten Stammesgebiete, in einem solchen Land wird bewaffnete Geiselnahme oft nicht als kriminelle Aktion empfunden, sondern als ultimative Notwehr. Doch dies mildert nicht die Ängste von Ausländern, die als Faustpfand mißbraucht und verschleppt werden. Der holländische Entwicklungshelfer Hans Koostra hat eine solche Entführung erlebt, zusammen mit seiner Frau, seinen zwei Kindern und einem älteren britischen Ehepaar. Anfang des Jahres wurden sie auf der Strecke zwischen Saada und Sanaa gekidnappt: 17 Tage waren sie Gefangene der Barati, die neben finanziellen Forderungen auch die Freilassung eines inhaftierten Stammesmitglieds erpressen wollten.

Die Entführer verschleppten ihre Opfer in ein abgelegenes Bergdorf, und wie fast immer in solchen Fällen wurden sie im Haus eines der Kidnapper untergebracht. Die Stammeskrieger waren allerdings anfangs mit heftigem innerfamiliärem Widerstand konfrontiert. "Die Frauen der Kidnapper waren furchtbar wütend", erklärt Hans Koostra. "Sie sagten, das sei eine Schande, daß ihre eigenen Männer unschuldige Frauen und Kinder raubten."