Ich glaube nicht, daß der Autor das, was heute in, mit und unter der rot-grünen Regierung geschieht, richtig sieht. Die neue Leichtigkeit drückt keinen Unernst, keinen Mangel an Verantwortung und an Bemühung um die Sache oder Pietätlosigkeit gegenüber traditionellen Strukturen aus, vielmehr eine Öffnung derselben, ein kritisches Verhältnis zu den politischen Machtstrukturen, Verantwortung für die Menschen im In- und Ausland und ein Ringen um Erkenntnis von Prioritäten, die nicht sofort wieder verabsolutiert und zu einem System hochstilisiert werden.

Das andersartige Verhalten ist Ausdruck eines neuen Denkens, in welchem man die Welt nicht mehr nur auf der Grundlage westlicher Definitionsmacht versteht, sondern in einen ernsthaften Dialog mit Menschen zu treten versucht, die in anderen Vorstellungswelten beheimatet sind. Solches Verhalten ist einer pluralistischen Welt angemessener. Sicherlich ist es nicht ohne Risiko. Aber dieses ist allemal besser als die Weise des Regierens in der Ära Kohl, welche nicht Ausdruck einer Distanz zu sich selber und zu den Menschen war, sondern Ausdruck von Macht- und Selbstbesessenheit sowie einer Instrumentalisierung menschlicher Beziehungen im Dienst derselben.

Dr. Arnd Hollweg, Berlin

Helmut Schmidt hat sich noch als ein "leitender Angestellter der Bundesrepublik Deutschland" gesehen. Ein leitender Angestellter dient vor allem seinem Unternehmen. Der Begriff "dienen" kommt in dem ganzen Artikel nicht ein einziges Mal vor. Als Diener der Gesellschaft scheinen sich viele aus der heutigen Generation von Politikern nicht mehr zu verstehen. Anscheinend wird Dienen zu den sekundären Pflichten gezählt; und wenn schon Pflichten, dann nur solche, die wenigstens "Spaß" machen! Dafür wird vom Volk verlangt, Dienstleistung (ob mit Spaß oder ohne) zu lernen und zu erbringen, damit der Schritt in die Dienstleistungsgesellschaft gelinge.

Ein Grund für diese Haltung scheint mir in dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Neuregelung der Diäten für die Parlamentarier aus der Mitte der siebziger Jahre zu liegen. Das Gericht erklärte darin das Parlamentarierdasein praktisch zum Beruf, dessen Ausübung angemessen bezahlt werden müsse. Die Folge war, daß die Diäten nicht mehr netto, sondern, unter vorheriger entsprechender Anhebung, brutto bezahlt und von den Empfängern versteuert werden. Die Diäten werden folglich als Bezahlung für den "Job" oder den ausgeübten Beruf gesehen.

Aber ein Beruf ist die Tätigkeit als vom Volk gewählter Abgeordneter meines Erachtens gerade nicht. Es handelt sich um ein von den Wählern auferlegtes Mandat auf Zeit im Dienste des Staates, wobei er die Interessen des gesamten Volkes zu vertreten hat. Hierfür sollte er im übrigen angemessen entschädigt (nicht bezahlt) werden.

Albert Sawall, Weingarten