François Scheer hatte seinen Coup genau geplant. Kurz vor dem informellen Europa-Gipfel auf dem Petersberg Ende Februar bat Frankreichs Botschafter in Bonn einige deutsche Journalisten zum vertraulichen Gespräch. Das zeigte Wirkung. Am Gipfeltag berichteten die Gazetten über "französische Diplomatenkreise", die der deutschen EU-Ratspräsidentschaft "schwere Fehler" ankreideten. Es sei eben ein Unterschied, ob man die Bundesrepublik regiere oder Niedersachsen oder das Saarland. Damit geriet Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Defensive, wo die Finanzen der Union, die sogenannte Agenda 2000, verhandelt wurden.

Paris war verärgert. Die Deutschen hätten die Franzosen isoliert, um Einsparungen in der Landwirtschaft durchzusetzen. Als Empfänger des größten Agrarschecks wäre Frankreich der Verlierer der Reform gewesen. Scheers Manöver sollte den Kanzler daran erinnern, daß er nach seinem mißratenen Regierungsstart einen Erfolg auf der europäischen Bühne braucht - und den gibt es nicht ohne die Franzosen. Laßt ihr unsere Bauern in Ruhe, schenken wir euch einen Verhandlungserfolg, so die Botschaft. Die Ziele der Agenda, die Union für die Osterweiterung fit zu machen und die Landwirtschaft allmählich dem Weltmarkt zu öffnen, schienen damit unerreichbar zu sein. Entscheidend für Frankreich jedoch war, daß nationale Interessen und das Machtgleichgewicht mit Deutschland gewahrt bleiben.

Die ständige Frage nach der Machtbalance zwischen den Partnern hat den 64jährigen Karrierediplomaten, der Ende März nach Frankreich zurückkehrt, bekanntgemacht. Vor fünf Jahren, kurz nach seinem Amtsantritt in Bonn, provozierte Scheer einen Eklat: Er klagte in vertraulicher Runde über die aus seiner Sicht wachsende Großmannssucht der Bundesregierung in der EU. Wird das vereinte Deutschland Frankreich und die Union dominieren? Bedeutet der Berlin-Umzug, daß die Deutschen künftig nur noch nach Osteuropa blicken? Die Worte des Diplomaten wurden publik. Bundeskanzler Helmut Kohl war außer sich und ließ Scheer ins Auswärtige Amt einbestellen - unter befreundeten Staaten ein äußerst ungewöhnlicher Akt. Reflexhaft betonten die Außenminister beider Staaten die Qualität der deutschfranzösischen Beziehungen. Zu spät. Ein Tabu war gebrochen. Ängste, die seit 1989 Frankreichs politische Klasse bewegen, waren erstmals auf höchster Ebene ausgesprochen und öffentlich gemacht worden.

Scheer, der 1934 in Straßburg zur Welt kam, haßte als Kind die Deutschen, die er nur als Erbfeinde, Angreifer und Besatzer kennenlernte. Der Verstand, nicht das Herz sagte später dem Studenten der Verwaltungshochschule ENA, daß Frankreich dieses Europa nur gemeinsam mit Deutschland einen kann. Unumwunden erklärt Scheer, weshalb beider Verhältnis jahrzehntelang französischen Interessen entsprach: Über die europäischen Institutionen kontrollierte Paris den Weg des großen Nachbarn. Mit den Jahren stellte sich ein Machtgleichgewicht ein, das auf Frankreichs politischer Führung und auf Deutschlands Wirtschaftskraft beruhte. Doch dann fiel die Mauer. Scheer, damals ranghöchster Beamter am Quai d'Orsay, versuchte Deutschlands Einheit in einem ersten Reflex zu verhindern oder zumindest zu verzögern - wie François Mitterrand, wie viele aus Frankreichs Elite. Noch heute spricht er von einem "Bruch", der alles verändert habe.

Wenn Scheer dies erläutert, klingt das fast nach Resignation. Deutschland sei heute eine Großmacht in Europa, die das tue, was sie früher immer Frankreich unterstellte: Sie instrumentalisiere die EU, um ihren Einfluß auszudehnen - vor allem in Mittel- und Osteuropa. Die rot-grüne Regierung werde, so Scheer, den Umzug nach Berlin nutzen, um ihre Außenpolitik neu zu definieren. Dabei werde sie sich von den Zwängen der Vergangenheit befreien. In Berlin sieht der Botschafter das Symbol für ein Deutschland, das seinen Bereich ausdehnt und zu Frankreich auf Distanz geht, das sich also dem Zwang eines Europa unter französischer Kontrolle entzieht. Doch Achtung: Eine andere Rolle als die des gleichwertigen Partners für Deutschland wird Frankreich nicht akzeptieren. Das Pressemanöver vor dem Petersberg-Gipfel ist dafür Beleg. Manchmal wird dieser Botschafter ganz düster. Nichts sei unumkehrbar, auch nicht die Versöhnung zwischen den beiden Ländern, die sich dreimal bekriegt haben und dann zum Motor von Europas Einigung wurden, erklärte er vor kurzem.

Scheer weiß, daß man mitunter übertreiben muß, um gehört zu werden. Doch seine Skepsis ist nicht gespielt. Für Frankreich sieht er keine Alternative zum engen Verhältnis mit Deutschland - und hofft, daß gleiches für Deutschland gilt. Eine Zukunft haben beide Länder nur in Europa, das eine politische, ökonomische und kulturelle Großmacht werden muß, die sich gegenüber den USA behauptet. Gäbe es mehr Politiker wie Außenminister Joschka Fischer, der vor dem Europaparlament eine EU als "starkes und durchsetzungsfähiges politisches Subjekt" forderte, wäre Scheer optimistischer. Dann wären beide Länder vielleicht bereit, auf mehr Souveränität zu verzichten - etwa in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Scheer ist zu sehr Diplomat, um zu sagen, daß er den lauwarmen Europäern Gerhard Schröder und Jacques Chirac solche Schritte nicht zutraut.