In Japan wirkt Viagra als Verhütungsmittel. Nicht direkt, selbstverständlich, aber im übertragenen Sinn. Die rasche Zulassung der Potenzpille könnte noch in diesem Jahr die Zahl der ungewollten Schwangerschaften in Japan reduzieren. Das erklärt sich so: Am 25. Januar lizensierten die überwiegend männlichen Bürokraten des Gesundheitsministeriums in Tokyo den Vertrieb von Viagra. Zu dieser Entscheidung waren sie in der relativ kurzen Zeit von sechs Monaten gelangt. Nippons Männer müssen nun nicht mehr in Gruppenreisen nach Hawaii fliegen oder die Pille illegal per Internet bestellen, um ihre Erektion zu fördern.

Womit die Bürokraten nicht gerechnet hatten, war der Aufschrei der Empörung unter Japans Frauen. "Doppelmoral" und "Sexismus" lauteten die zahmeren Vorwürfe. Denn im Gegensatz zu Viagra ist die Antibabypille in Japan immer noch verboten. Seit mehr als 30 Jahren wird sie ergebnislos von demselben Ministerium auf Nebenwirkungen und sogar auf moralische Gefahren geprüft, das Viagra nun im Schnelldurchlauf für sicher erklärte. Eine Sorge der Bürokraten lautete, die Pille könne unehelichem Geschlechtsverkehr Vorschub leisten. "Die unterschiedliche Art, wie das Ministerium Viagra und die Pille behandelt, ärgert uns", sagt die Frauenärztin Tomoko Saotome, die seit Jahren für die Zulassung der Pille kämpft. Andere Kritiker verweisen auf die mehr als 100 Todesfälle mit Viagra, während die Nebenwirkungen der Pille kalkulierbar seien. Durch solche Kritik gerieten die Herren Bürokraten gehörig unter Druck. Daher ist es wohl kein Zufall, daß sie nun plötzlich einlenken. Anfang dieses Monats sprach sich das entscheidende Beratergremium des Ministeriums erstmals für die Zulassung der Pille aus. Zwar wollen die Experten ihre Meinung erst im Juni zu Papier bringen und dem Minister formell überreichen. Der wird dann irgendwann entscheiden. Aber nun haben - Viagra sei Dank - Japans Frauen erstmals eine realistische Chance auf die Antibabypille.

Bislang wird in Japan vorwiegend mit Kondomen verhütet - oder gar nicht. Pillenverbot und mangelhafte Aufklärung haben den Frauenärzten zu einem florierenden Geschäft mit Abtreibungen verholfen. Im Jahr 1997 hat es offiziell 337 000 Abtreibungen gegeben, manche Experten schätzen die Zahl auf das Doppelte. "Ein Abbruch dauert nur zehn Minuten und kostet etwa 100 000 Yen (rund 1500 Mark), und die einmal gekauften Instrumente können immer wieder gebraucht werden - ein lukratives Geschäft", sagt Tomoko Saotome. Aus steuerlichen Gründen werden viele Abtreibungen in privaten Arztpraxen nie gemeldet.

Auch das Geschäft mit dem seelischen Schmerz und den Schuldgefühlen der Frauen, die abgetrieben haben, ist gut entwickelt. Im Lila-Wolkenberg-Tempel in Chichibu, zwei Zugstunden vor Tokyo, verkauft der buddhistische Priester Masataka Shimizu mizu-ko-Statuen. Für jeden abgetriebenen Fötus stellt er ein solches "Wasserkind" aus Stein auf, bislang mehr als 14 000 Stück. Damit sollen die Seelen der bei den Abtreibungen "getöteten Menschen" beruhigt werden, sagt der Priester. Billig ist das nicht. "Die Figuren kosten zwischen 150 000 und 230 000 Yen", sagt Shimizu.

Während Engelmacher und Friedhofsbetreiber für Ungeborene nun um ihr Geschäft bangen müssen, haben die Pharmavertreter in Tokyo schon den Champagner kalt gestellt. Sollte die Pille tatsächlich bald in den Handel kommen, könnte der Jahresumsatz Pharmaanalysten zufolge irgendwo zwischen 200 und 800 Millionen Dollar liegen. Die Scheu der Japanerinnen vor der Pille, geschürt vom Gesundheitsministerium, wird jedoch nicht über Nacht verschwinden. "Anfangs wird das Marktvolumen für die Pille nicht allzu groß sein", sagt Shigeru Oda von Dai-Ichi Pharmaceutical in Tokyo. Überdies haben die Herren im Gesundheitsministerium ihre Bedenken gegen die Pille keinesfalls völlig abgelegt. "Jetzt wollen sie auf der Packungsbeilage davor warnen, daß die Pille nicht vor Geschlechtskrankheiten schützt", sagt die Frauenärztin Saotome. Auf den Viagra-Schachteln steht nichts dergleichen.