Schließlich ist er Europas größter Mythenprofi, und Passau ist nur Passau. Muß er sich das also bieten lassen, daß irgendein Stadtplaner sein wundermächtiges Vorhaben bekrittelt, seine "ökologische Kraftzone mit Nähe zur Altstadt"? Muß er nicht. Schmollend zog der Alleskünstler André Heller ab, ein bißchen mehr Dankbarkeit hatte er schon erwartet. Erst als Passaus Oberbürgermeister eigens nach Wien reiste, um Abbitte zu leisten, stimmte die Heller-Welt wieder. Gnade, Versöhnung - der große Zauber kann beginnen.

Fort vor allem mit der braunen Last, der Nibelungenhalle, die seit Jahrzehnten die Aschermittwochsveteranen anzieht, von den NPD- und DVU-Vasallen ganz zu schweigen. Der brüchige Bau soll einem Kauf- und einem Festspielhaus weichen, schön grün, mit möglichst viel Blumen und Kunst, so wünscht es sich die Stadt. Deshalb fragte man bei Heller an, der kennt sich aus mit allen Licht-, Kraft- und Pflanzenträumen, seit über 20 Jahren macht er die Welt zum Zirkus.

Auch die städtische Bühne hat er längst erklommen, in Essen ("Schule gegen seelische Arbeitslosigkeit") und Bochum ("Lustgarten der Künste") feiert man ihn als Reanimateur des Urbanen. Denn er verspricht mehr als nur Schönheit und Tralala, er verheißt Glück: Den Exerzierplatz der Nibelungenhalle will er zu einem Ort verwandeln, "aus dem ein Kind und ein Erwachsener, ein Intellektueller und ein Arbeiter, ein Ausländer und ein Inländer gleichermaßen froh hinausgehen können". Sinn und Heilung für Passau.

Natürlich sind die Architekten aufgebracht: Über Esoterikgärten, Lichtschreine und "internationale Gedankenfreihandelszonen" haben sie auf der Hochschule nichts gelernt. Urbane Lebenshilfe? Nie gehört. Zu oft sind die Visionen von der besseren Welt gescheitert, als daß sie noch jemand wagte. Was bleibt, ist ein Leerraum, und den erobern Kulissenschieber und Traumgärtner. Flugs erheben sie die Stadt zum Star. Und zur Kultstätte.

Haben die Architekten gegen diese Zuckerbäcker und Manager überhaupt noch eine Chance? Sie haben. Die Krise der Stella-Musicals zeigt, was auch für die Urban Entertainment Center gilt: daß zuviel Kunstwelt schnell künstlich schmeckt. Dennoch sollten die Architekten kämpfen, damit Passau für den Masterplan einen offenen Wettbewerb ausschreibt. Denn nur dann könnte sich die Baukunst dem Budenzauber stellen. Nur so wird Heller zur Herausforderung. Und wer weiß, vielleicht gibt es ihn ja doch noch, einen aufgeklärten Traum der Moderne.