Welch ein Thema für einen Vortrag: DDR-Gebrauchsanweisungen! Kürzlich in Berlin leider verpaßt, dann auch in Frankfurt, demnächst wieder in Berlin - offenbar interessiert das Thema nicht nur Ostalgiker. Da will man doch mehr wissen.

Besuch bei Jan Faktor, dem Referenten. Eigentlich hält er keine Vorträge, eher Lesungen aus seiner umfangreichen Sammlung von Ost-Gebrauchsanweisungen, die, so sagt er, "von der Poesie der Dinge" kündeten. Faktor ist Programmierer, Schlosser und Schriftsteller, ein Tscheche, der vor 20 Jahren nach Ost-Berlin kam und dort die Tücken der DDR-Technik kennen und lieben lernte.

In seiner Pankower Dreiraumwohnung präsentiert der 37jährige dem Besucher prall gefüllte Holzkörbchen, darin: beige, graue und türkis-orange Halbzoll-Druckspüler für das Urinal TGL21726. Die Gebrauchsanweisung, die das seltsame Objekt für seine "moderne und hygienische Formgebung" lobt, hat Faktor für das Produkt selbst begeistert. Eigentlich war der "Naßmacher" (DDR-Jargon) aus dem VEB MAW Armaturenwerk Leipzig eine Fehlkonstruktion; dauernd leckte das Vollplasteding. Nur wer sich mit ihm verstand, es pflegte und fast täglich reparierte, konnte es lieben. Die einzige Chance, den "Kreislauf des Kaputtgehens" (Faktor) zu durchbrechen, lag in der intensiven Lektüre der Montageanleitung mit hyperkomplexer Schnittzeichnung.

Schön auch das Trabi-Handbuch, ein Standardwerk aus der Abteilung "Reparieren und Organisieren". Hartes metallisches Klappern aus Richtung Kardantunnel beispielsweise war als Anzeichen dafür zu werten, daß das Getriebe dran war, sich auf und davon zu machen. Ein Blick ins Handbuch, ein paar gezielte Handgriffe, und weiter ging es. So etwas gehörte in der DDR zum Autofahren fast wie das Tanken. "Am Trabant klappert eigentlich immer etwas", tröstete die Bedienungsanleitung. "Mal ist es der Heizungsgeräuschedämpfer, der gegen das Signalhorn schlägt, mal die schwarze Bodenwanne unterhalb der Stoßstange, wenn sich die mittlere Halteschraube gelöst hat, mal die Abgasanlage ..."

So viel Selbstironie? "Nein, das war es nicht", sagt Faktor, "was heute witzig erscheint, war todernst gemeint." Und didaktisch: Aus den Anleitungen spreche die staatlich verordnete Sorgfalt. Die Texter, vermutet Faktor, sahen eine Herausforderung darin, das Unvollkommene erklär- und beherrschbar zu machen.

Der Schriftsteller hat ein geschärftes Auge für das Schöngeistige in Gebrauchstexten der DDR-Warenwelt. Wer erinnert sich noch an Beethoven, das riesige Röhrenradiomöbel? "Mit Beethoven verbinden wir unlösbar die Vorstellung symphonischer Polyphonie, orchestraler Höchstleistung sowie Beherrschung letzter Feinheiten der Klangtechnik. Und wie einst der große Meister, so interpretiert sein heutiger Namensträger, der ,3-D-Spitzen-Super-Beethoven' eine geradezu klassische Musikalität. Der Apparat hat unbedingt Stil und eine vornehme Note."

Faktor begeistert sich für Formulierungen, wenn er in den Benutzerblättern für die Brausekabine "Arno" stöbert oder in den Pflegehinweisen für "synthetische Flächengebilde" des Sofas "Conny", die "gummiartige Textilie", oder sich die Zeilen für BWL anschaut, die Babywickelliege, die es wahlweise "aufblasbar, bedruckt oder farbig" gab. Gern zitiert er auch das Rezeptheftchen, das dem "Grill 80" beigelegt war, Titel: Grill-Köchen befreundeter Länder in die Töpfe geschaut.