In den Augen der Menschen sieht man, was sie sehen werden, nicht, was sie gesehen haben. Amerika, so glaubt Novecento, war von Anfang an in Kolumbus' Augen eingraviert, "es war längst da, in diesen Kinderaugen, das ganze Amerika". Wenn dem so ist, dann kann man in Novecentos Augen die ganze Welt als Miniatur sehen. Denn Danny T. D. Lemon Novecento ist der größte Pianist, der je auf einem Ozean gespielt hat. Und er ist wohl der einzige, der ihn nie verlassen hat, weil er auf dem Dampfer Virginian geboren wurde und gestorben ist. Die Welt hat er trotzdem gesehen, in den Augen der Passagiere, für die er spielte. Novecento hat die Welt ausspioniert. Er hat ihr die Seele gestohlen. Er hat sie in Musik verwandelt.

Mit der Legende vom Ozeanpianisten legt der 40jährige Turiner Alessandro Baricco nach Seide und Land aus Glas ein neues Zauberbuch vor. In Italien, wo seine Titel sich mehr als 300 000mal verkaufen und er eine eigene Fernsehsendung hatte, eine Art literarisches Solo, in dem er ausschließlich seine Lieblingsbücher vorstellte, ist Baricco längst ein Superstar, ein Sunnyboy des Kulturbetriebs. In Turin gründete er 1994 die Privatuniversität Scuola Holden. Sie ist nach dem Helden aus Salingers Fänger im Roggen benannt und verleiht als Abschlußdiplom für Kreatives Schreiben den garantiert frei erfundenen Titel "Master Holden". Und Novecento kommt bereits im Frühjahr in der Verfilmung von Giuseppe Tornatore (Cinema Paradiso) auch als Leinwandmärchen zu uns.

Es ist das erste Jahr des noch jungen Jahrhunderts, in dem der Matrose Danny Boodmann ein an Bord ausgesetztes Kind findet; es liegt in einer Zitronenkiste, auf der T. D. Lemons steht. So kommt das Findelkind zu seinem Namen: Danny T. D. Lemon Novecento. Und T. D., da ist sich Boodmann sicher, steht für "Thanks Danny". Schicksal eben.

Novecento wird sein wie das Jahrhundert, nach dem er benannt ist: immer unterwegs, ziellos und ein wenig wunderlich. Die Welt erlebt er nie anders als schwankend, aber als Pianist paßt er sich ihrem Rhythmus an. Wer tanzt, meint Novecento, der kann nicht sterben. Also spielt er "Ragtime, denn das ist die Musik, nach der Gott tanzt, wenn es keiner sieht". Bei Sturm löst er im Ballsaal die Blockierungen des Klaviers und spielt, tanzt mit dem Ozean, "verrückte und perfekte Tänzer, engumschlungen in einem wirren Walzer auf dem goldenen Parkett der Nacht. Oh yes."

Novecento wird zur Legende. Passagiere pendeln zwischen der Alten und der Neuen Welt, nur um ihn zu hören. Und manche wollen die Virginian nie mehr verlassen. Jelly Roll Morton, der in den Bordellen von New Orleans den Jazz geboren hat, kommt an Bord, um Novecento zu einem Duell am Klavier zu fordern. Er unterliegt schmählich.

Doch in seinem 32. Lebensjahr entschließt Novecento sich, von Bord zu gehen. Er will das Meer einmal von außen sehen, vom Lande her. Noch auf dem Steg macht er kehrt. Erst viel später wird er einem Freund den Grund verraten: "Nicht das, was ich sah, hielt mich zurück, sondern das, was ich nicht sah. Es gab alles. Aber es gab kein Ende. Stell dir vor: ein Klavier. Die Tasten fangen an. Die Tasten hören auf. Man spielt sein Glück auf einer Klaviatur, die nicht unendlich ist. Das Land ist ein Schiff, das zu groß für mich ist. Es ist eine zu schöne Frau. Es ist ein zu starkes Parfüm. Es ist eine Musik, die ich nicht spielen kann."

Wie in seinen anderen Büchern entwirft Alessandro Baricco in Novecento eine magische Welt in der Welt. Waren es in Land aus Glas die traumtanzenden Bewohner des Städtchen Quinnipaks, die einen riesigen Palast aus Glas zwischen sich und das Leben bauten, so beschützt hier die kalkulierbare Klaviertastatur den Ozeanpianisten vor dem Chaos der Welt. Und wie in seinen anderen Büchern ist Bariccos Sprache wunderbar poetisch, sie swingt, tanzt, schlägt Kapriolen. Doch Baricco hat Novecento als eine kleine, fast flüchtige Erzählung angelegt. Zu fragmentarisch und unscharf bleibt die Gegenwelt, als daß sie eine wirkliche Sogwirkung entfesseln könnte. So ergeht es dem Leser ein wenig wie der Hauptfigur des Buchs. Er kann eine ganze poetische Welt entdecken. Doch leider nur als Miniatur.