Literaturkritik geht einfach: Man stellt sich hin und beklagt das Fehlen realistischer deutscher Erzählkunst. Es kommt ja nichts. Bloß Nabelschau. Folgt nach Art tibetischer Gebetsmühlen der Hinweis auf amerikanische Autoren: Selbst die Geringsten unter ihnen, lautet das Stereotyp, beherrschen wenigstens ihr Handwerk.

Etwa so: "Doc Amber fuhr sehr schnell. Er hatte eine brettharte Erektion und anderthalb Stunden Zeit. Aber er würde nicht länger brauchen. Er brauchte nie länger." Vier Sätze, und wir wissen, der Mann hat ein Problem. Aus solchem Stoff sind Bestseller, die hinter den Fassaden von Bel Air spielen, in den Lobbys von Washington oder auf den Straßen von Philadelphia. Keinesfalls in Priesnitz, Gümse oder Pisselberg. Die norddeutsche Tiefebene bringt Rüben und Gülle hervor, niemals jedoch brettharte Erektionen.

Dachte man bislang. Und jetzt dies: "Guido Kerbel fuhr sehr schnell. Er hatte eine brettharte ...", nun, das sagten wir bereits. Das Problem des Priesnitzer Gemischtwarenhändlers Guido Kerbel unterscheidet sich nicht wesentlich von denen, die amerikanische Helden haben. Er löst es bloß nicht am Rande der Route 66, sondern auf einem öden ostdeutschen Parkplatz in einem zugenagelten Wohnwagen ohne Räder, dessen Dach ein Holzschild mit der Aufschrift "IMBISS" ziert. Grill und Friteuse hat Kerbel mangels Laufkundschaft bereits ausbauen müssen. Geblieben ist ihm ein Fläschchen Nail Sensation, das seine Phantasie erhitzt. Das nimmt insgesamt zwei Seiten im Erstling der 38jährigen Hamburgerin Karen Duve ein.

Zwei Seiten von fast dreihundert. Auf denen nicht nur Krämer Kerbel seinen Obsessionen nachgeht. Sondern auch Redaktionsassistentin Martina ("Wo immer sie erschien, strafften sich die Männer wie Vorstehhunde, während die Frauen bei ihrem Anblick zusammensackten wie mißratene Kuchen"); Schriftsteller Leon ("Die einzigen klaren Konturen in seinem Gesicht stammten von seiner Brille"); Rausschmeißer Harry ("Er trug einen zementgrauen Anzug mit einer weiten Hose, die zugleich teuer und unseriös aussah"). Ferner der Zuhälter Pfitzner, zwei Hunde namens Noah und Rocky sowie die Schwestern Kay und Isadora Schlei. Karen Duve liebt sie alle nicht gerade von Herzen. Sondern führt ihr Personal gnadenlos vor: Martina ist schön, aber leidet unter Brechzwang. Leon ist häßlich, aber leidet, weil das bei Männern nicht reicht, obendrein unter Schreibhemmung und galoppierendem Bandscheibenvorfall. Die eine der Schwestern Schlei ist fett und nymphoman, die andere hager und lesbisch.

Das kann nicht gutgehen, und das geht auch nicht gut. Bereits im ersten Kapitel schwimmt eine weibliche Wasserleiche vorbei; danach wird alles nur schlimmer. Das Haus, welches Leon gekauft hat, um die Memoiren des Zuhälters Pfitzner zu Papier zu bringen, erweist sich als morsches Gemäuer, vollgesogen wie ein Schwamm. Ein Heer von Schnecken überfällt den Garten. Kampfhund Rocky zerfleischt Noah, Pfitzner foltert Leon, Harry vergewaltigt Martina. Krämer Kerbel hatten wir schon.

Und über allem rauscht tagein, tagaus der Regen. Rauscht, bis die norddeutsche Tiefebene sich in einen einzigen Sumpf verwandelt, aus dem das Böse kriecht wie ein Haufen Nattern.

Ist das gut beschrieben? Erbarmungslos. Handlung, Atmosphäre, Dialog - ihr Handwerkszeug hat Karen Duve jederzeit beisammen. Der Roman hält Tempo, ohne abzustürzen, er gurgelt gewissermaßen seinem Ende zu, als würde er von inneren Saug- und Fliehkräften beschleunigt. Das ist schon mal sehr viel für eine Autorin, die bisher erst ein paar Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Dankbar nimmt man auch zur Kenntnis, daß es offenbar möglich ist, einen Gegenwartsroman zu schreiben, ohne das musikalische Gesamtwerk von Oasis zu schildern oder die neue Frühjahrskollektion von Tommy Hilfiger. Von Berlin-Mitte hält sich Karen Duve ungefähr so fern wie von Frankfurt-Sachsenhausen. Und vom Leben hat sie offenbar mehr gesehen als Kindergarten und Love Parade.