Die Nörgler und ordnungspolitischen Korinthenkacker täuschten sich, der zupackende Gerhard Schröder behielt recht. Er kaufte Preussag-Stahl, rettete Arbeitsplätze sowie niedersächsische Entscheidungskompetenz - und seinen Wahlsieg.

Das war im vergangenen Jahr, Schröder war noch Ministerpräsident auf dem langen Weg ins Kanzleramt. Den von Preussag geplanten Verkauf der Stahlsparte an einen österreichischen Konzern empfand er als Anschlag auf seine Kanzlerambitionen. Er wollte nichts davon hören, daß der Staat sich in die Neuordnung von Unternehmen nicht einzumischen hat, auch nicht, daß regionale Entscheidungszentren im europäischen Binnenmarkt nicht mit der Brechstange gesichert werden können.

Überhaupt nicht anzusprechen war der Sozialdemokrat auf das wichtigste Argument: daß sein brachialer Eingriff im Grunde ein zynisches Spiel mit den Ängsten der Belegschaft ist, weil ein staatlicher Aufkauf die industrielle Rationalisierungslogik vielleicht kurzfristig aufhalten, nicht aber außer Kraft setzen kann.

In der Wirtschaft und bei Teilen der Medien bekam Schröders Modernisierer-Image durch seinen Tiefebene-Protektionismus ein paar häßliche Kratzer. Andere sahen den Aufkauf von Preussag-Stahl durch Land und Nord-LB als entschlossenen Schachzug eines Realpolitikers. Der Triumph schien vollkommen, als ein großes Anteilspaket drei Monate nach der Landtagswahl über die Börse privatisiert wurde.

Heute fliegt dem Realpolitiker sein Werk um die Ohren. Die Nord-LB mußte einen großen Teil der Aktien zurückkaufen, von der versprochenen Reprivatisierung kann keine Rede sein. Der Vorstandsvorsitzende des Stahlunternehmens wurde von den Arbeitnehmervertretern aus dem Amt gemobbt, weil er Kooperationsgespräche mit der Luxemburger Arbed angebahnt hatte. Die Internationalisierung, die Schröder mit Staatsgeld abwenden wollte, läßt sich eben nicht aufhalten.

Die Beschäftigten berufen sich dagegen auf die Versprechen der Politiker und fühlen sich verraten. Denn auch die Landesregierung ist mittlerweile für Kooperationsgespräche mit Arbed, natürlich nur, wenn das Entscheidungszentrum in Niedersachsen bleibt, keine Arbeitsplätze verlorengehen und die Montanmitbestimmung ebenso wie alle Standorte erhalten bleiben. Allen Ernstes spricht die Regierung davon, Preussag-Salzgitter sei "eine schöne Braut, die sinnlich" mache. In Hannover scheint man zu denken: Ist der Freier erst mal von Sinnen, schaut er nicht auf die Rechnung.

Dem Kanzler wird das Salzgitter-Debakel nicht mehr angelastet. Leider. Nicht, weil man ihm noch mehr Schwierigkeiten gönnen würde, sondern weil die Stahlaffäre verstehen läßt, wie Schröder und sein Spannmann Oskar Lafontaine mit wirtschaftlichen Herausforderungen umgehen. Das Erklärungsmuster jedenfalls, das sich die Spitzenverbände der Wirtschaft zurechtgelegt haben, paßt nicht: hier der Modernisierer Schröder, da der traditionalistische Sozialist Lafontaine. Wer Reformen will, so die Verbände-Logik, muß Lafontaine über die "Bande Schröder" ins Aus schießen.