Das Fachwerkstädtchen Springe schmiegt sich an die Vorläufer des Deistergebirges. Gerne kommen Menschen aus dem nahen Hannover her, streifen durch die Gassen oder besuchen den hiesigen Saupark, wo sich Dam- und Muffelwild betrachten läßt. Zum Abend kehrt dann wieder Ruhe ein. Alles ganz normal, so weit.

Und wenn die Sonne hinter den Deisterhügeln untergeht, blicken die Springer still berührt nach Westen. Dort nämlich, auf einem Mahnmal an der Deisterpforte, leuchtet Nacht für Nacht eine meterhohe Glühlampe auf, die an den größten Sohn der Stadt erinnert - an Heinrich Göbel, den Erfinder der Glühbirne.

Tatsächlich: Heinrich Göbel. Die erste Birne war die Göbel-Birne. Schon 25 Jahre vor Thomas Edison hat der Niedersachse leuchtende Lampen gebastelt aus Vakuumflaschen, mit Glühdrähten aus verkohlten Bambusfasern. Das kann in Springe jedermann herunterbeten - und das sollte jeder wissen, der nach Springe kommt. Manche Springer werden nämlich fuchsteufelswild, wenn man ihren Erfinder nicht in warmen Worten würdigt. Zuletzt mußte das die Redaktion des Brockhaus-Lexikons erfahren, die den Eintrag "Göbel" aus ihrem Werk gestrichen hatte, ohne die Springer um Erlaubnis zu bitten.

Es kam deshalb zu einer denkwürdigen Fehde, die mit äußerster Härte geführt wurde und im vergangenen Herbst in einer Resolution der Stadt Springe gipfelte: "Ein Verzicht auf einen Eintrag", heißt es da, "käme einer Kapitulation vor der weit verbreiteten Fehlinformation gleich, der Erfinder der Glühlampe sei Edison und nicht Göbel." Deshalb forderte der Rat von Springe den Brockhaus-Herausgeber "eindringlich auf, Heinrich Göbel als Erfinder der Glühlampe in dieses Nachschlagewerk in angemessener Form wieder aufzunehmen".

Die Springer sind kampferprobt und leidgeprüft. Allzu oft wurden sie gedemütigt. Zum Beispiel 1954: Als sie den 100. Jahrestag von Göbels Erfindung mit einem Lichterfest begingen, da feierten die Amerikaner frech das 75. Jubiläum zu Ehren von Edison und brachten in New York die größte Glühbirne der Welt zum Erleuchten. Das muß weh getan haben - und wie zum Trotz errichteten die Springer im gleichen Jahr die Heinrich-Göbel-Bastei im Westen ihres Ortes.

Wer von dort zur Heinrich-Göbel-Ausstellung ins Museum möchte, nimmt gerne den Weg über die Heinrich-Göbel-Straße. Denn diese Route führt auch zum Göbel-Geburtshaus, wo ein ewiges Licht in Form einer Glühbirne glimmt. Ein elektrischer Tabernakel für all jene, die des Erfinders gedenken möchten.

Die Göbel-Verehrung der Springer ist beeindruckend - um so mehr, als der Mann eigentlich ein Abtrünniger war. Im Revolutionsjahr 1848 kehrte er der Stadt den Rücken und wanderte nach Amerika aus. Dort, in Manhattan, New York, eröffnete der gelernte Uhrmacher und Optiker ein kleines Geschäft. Und dort befaßte er sich intensiv mit dem elektrischen Licht. An seinem Haus, erzählt man sich in Springe, ließ der Erfinder Lichtbogenlampen leuchten - bis ein besorgter Polizist die Feuerwehr herbeirief. Auf dem Dach fand man zwei verkohlte Drähte, weswegen Göbel als Brandstifter vor Gericht erschien. Seinen elektrotechnischen Erläuterungen konnte man indes nicht folgen und ließ ihn deshalb laufen.