Zu ihren Hühnern haben die Deutschen ein schwieriges Verhältnis. 50 Millionen Hennen gibt es hierzulande; die meisten vegetieren in winzigen Käfigen, verhaltensgestört, auf verkümmerten Beinen hockend, die Flügel ob der Enge ihrer Behältnisse zeitlebens an die Körper gepreßt. 85 Prozent der Deutschen finden das barbarisch und möchten Legebatterien am liebsten verboten sehen, was aber 85 Prozent der Deutschen nicht hindert, Käfigeier zu kaufen. Dabei müßte ein Durchschnittsverbraucher kaum mehr als 50 Mark bezahlen, um seinen Jahresbedarf an Eiern aus Freiland- statt aus Käfighaltung zu decken, Kantinenmahlzeiten und Eierlikör inklusive.

Wenn es ans Bezahlen geht, verwandeln sich Tierschützer in Tierquäler. Mit diesem Widerspruch mag es sich einige Zeit gut oder jedenfalls angenehm leben lassen. Aber Wünsche und Interessen großer Mehrheiten haben die Tendenz, sich zu Gesetzen und Verordnungen zu verdichten, und solch ein Regelwerk duldet auf Dauer kein Paradox.

Am 13. April wird es soweit sein: Das Bundesverfassungsgericht wird über eine Klage des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahre 1990 verhandeln. Dort hält man die deutsche Hennenhalteverordnung von 1987, die Legebatterien erlaubt, für unvereinbar mit dem Tierschutzgesetz von 1972, das Tierquälerei verbietet.

Mit dem Urteil wird ein 20jähriger Rechtsstreit zu Ende gehen. Seit den späten siebziger Jahren beschäftigen die Käfiganlagen Staatsanwälte und Richter. "An der Rechtswidrigkeit dieser Art der Tierquälerei bestehen keine Zweifel", urteilte etwa das Amtsgericht Leverkusen, ähnlich entschieden Gerichte in Frankfurt und Darmstadt. 1987 wurde die Lage der Eierfabrikanten prekär, als eines dieser Verfahren den Bundesgerichtshof erreichte. Zwar hielten die Bundesrichter damals den Straftatbestand der besonders schweren Tierquälerei nicht für gegeben; zugleich aber stellten sie fest, Käfighühner seien zu lebenslangen Leiden verurteilt.

Mit dem Tierschutzgesetz wäre das kaum zu vereinbaren. Die Bundesregierung reagierte, indem sie das Käfigelend kurzerhand per Verordnung legalisierte. Fortan waren die Eierproduzenten, Tierquäler oder nicht, der Gerichtsbarkeit entzogen. Die Antwort der Tierschützer war die Verfassungsklage.

Oberflächlich geht es um die Größe und Ausstattung von Hühnerkäfigen, aber darunter verbirgt sich eine grundsätzliche Frage: Sind wir ein Volk von Tierschützern, das lediglich einen bestimmten Mißstand viel zu lange hingenommen hat - oder ein Volk von Tierquälern, dessen "Tierschutzgesetz" nur dazu dient, unsere unschönen Neigungen zu bemänteln?

Außerhalb der Gitter lauern Parasiten und Raubtiere