Dreimal mußte die Entscheidung über die Hafenstadt Brcko verschoben werden. Dann fiel sie, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Der radikale Präsident der Republika Srpska, Nikola Poplasen, hat offenbar einen besseren Sinn für Inszenierung als die internationalen Verwalter in Sarajevo. Er ließ seinen Streit mit dem Hohen Repräsentanten Carlos Westendorp bewußt eskalieren und darf nun als abgesetzter Volksvertreter warme Solidarität genießen. Der Schaden geht über Bosnien hinaus. Wenn Slobodan Milosevic noch ein Argument gegen internationale Truppen im Kosovo gesucht haben sollte: Jetzt ist es da. Schaut an, muß sich jetzt jeder Serbe denken, erst wollen sie nur einen Fuß in die Tür bekommen, dann führen sie sich auf wie die Kolonialherren persönlich.

Aber es wäre unfair, den ganzen Schlamassel in Bosnien bloß dem Ungeschick der ausländischen Beamten zuzuschreiben. Sie stehen auch dreieinhalb Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton noch immer allein, und daran sind sie nicht schuld. Es gibt in Bosnien bis heute keine Dayton-Partei. Keine politische Kraft, keine Strömung, keine Volksgruppe steht wirklich hinter diesem Friedensvertrag, der dem Land eine so komplizierte Struktur aus "Entitäten" und nationalen Gemeinschaften gegeben hat. Den einen geht die Trennung nicht weit genug, die anderen finden die totale nationale Durchquotierung im gemeinsamen Staat absurd.

Es mag in der Natur von Kompromissen liegen, daß sie alle Seiten frustrieren. Im bosnischen Fall aber ist das fatal. Die internationalen Verwalter können nicht gegen alle regieren. Das Daytoner Abkommen garantiert einerseits allen Flüchtlingen die Rückkehr, andererseits spricht es deren Heimatgebiete dem Territorium der Eroberer zu. Es schreibt die Nationalität der drei Staatspräsidenten vor, aber es unterscheidet nicht nach der Nationalität der Wähler. Muslime im serbischen Landesteil zum Beispiel müssen einen Serben ins Staatspräsidium wählen, und Muslime in der Föderation dürfen auch einen ihnen genehmen Kroaten wählen, der dann als "kroatischer Vertreter" ins Staatspräsidium einzieht. Würden alle Bestimmungen von Dayton umgesetzt, käme kein schlüssiges Bild dabei heraus. Deshalb geht auch der Wiederaufbau so schlecht voran. Niemand glaubt an die Zukunft dieses Staatswesens - außer den Beamten, und die sind dienstlich dazu angehalten.