Das Buch aus dem Nachlaß des 1995 verstorbenen Historikers Ernest Gellner über "Nationalismus" kommt zur rechten Zeit, um den momentan besonders rührigen Nebelwerfern in der Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft heimzuleuchten und mitzuteilen, was sie sind: offene oder verkappte Nationalisten. Gellner läßt die Unterscheidung von (positivem) "Nationalgefühl" und (schädlichem) "Nationalismus" nicht gelten und spricht vom "mörderischen Gift des Nationalismus", auch wenn er einräumt, daß der Nationalismus nicht immer und nicht überall bis zum Äußersten ging.

Gellner schreibt keine Geschichte des Nationalismus, sondern sortiert Bausteine für eine Theorie, die die Entstehung und Praxis von Nationalstaaten und Nationalismus zu erklären vermag. In universalgeschichtlicher Perspektive unterscheidet er deshalb zunächst zwischen voragrarischen und agrarischen Gesellschaften, in denen Nation, Religion, Kultur und Sprache bei der Organisation der gesellschaftlichen Hierarchie und der politischen Herrschaft keine nennenswerte Rolle spielten. Die komplexen Rangsysteme dieser Gesellschaften definieren den sozialen Status der Mitglieder im Unterschied zu den modernen Industriegesellschaften nicht nach sprachlich-kultureller oder ethnischer Herkunft.

Industriegesellschaften beruhen auf forciertem wirtschaftlichem Wachstum. Dieses setzt die massenhafte Mobilisierung von vormals bäuerlich seßhaften Schichten zu städtischen Arbeiterklassen voraus. Industriegesellschaften sind egalitär, weil sie keine ständisch vorbestimmte Ordnung mehr kennen und im Prinzip sozialen Aufstieg für jeden ermöglichen. Gegenläufig zu diesem Egalitarismus grenzen Industriegesellschaften im Innern jene Menschen aus, die nicht zur "Nation" gehören. Diese beruft sich - außer auf Gründungslegenden - auf eine gemeinsame Hochkultur und eine verallgemeinerte Schriftsprache als Basis. Was der national definierte Ausschluß nach innen bewirkt, besorgen Grenzen nach außen. Beide Bewegungen zusammen bringen den Staat neuen Typs - den Nationalstaat - hervor. Nicht immer und nicht überall.

Deshalb verfeinert und erweitert Gellner dieses Rohmodell in einem zweiten Schritt, indem er die Entwicklung von Nationalstaaten im Zuge der Industrialisierung in vier europäischen Zonen typologisiert und außerdem "zusätzliche Faktoren" nennt, die die Herausbildung von Nationalstaaten bestimmten. Stark zentralisierte Staatlichkeit schon vor der Industrialisierung gehört ebenso zu den Turbinen, mit denen heterogene Bevölkerungen nationalstaatlich homogenisiert werden, wie gemeinsame Religion, Kultur und Sprache.

Das Modell erklärt zumindest die relativ reibungslose Herausbildung eines Nationalstaats - das heißt die Vereinigung von Staat und Kultur zur jetzt national definierten Macht - in Frankreich, wo man sich auf eine in Jahrhunderten entstandene Hochkultur und Schriftsprache stützen konnte. Im Gegensatz dazu war in Osteuropa und auf dem Balkan der bis heute andauernde "Schrecken ... vorprogrammiert", weil hier ein "sprachlicher und kultureller Flickenteppich" vorherrschte und die politische Macht höchst zersplittert war. "Kulturell homogene Nationalstaaten", wie sie sich der politische Common sense als Normalität vorstellt, können in diesen Gegenden "nur durch ethnische Säuberungen entstehen".

Für die politischen Führungseliten, die das Arrangement auf dem Wiener Kongreß von 1815 bestimmten, war das eine Selbstverständlichkeit. Der Friedensschluß von 1918/19 in Versailles unter der schimärischen Parole des "nationalen Selbstbestimmungsrechts" erwies sich dagegen "als beschämend zerbrechlich und schwach". Die Verleihung von Staatsbürgerschaften nach den Kriterien von Abstammung und Sprachbeherrschung war ein Freipaß, um die "Fremden" und "Wurzellosen" zu entrechten und zu verfolgen.

Ein anregendes Buch, auch wenn man mit den gelegentlich etwas pauschal vorgetragenen Analogien (etwa zwischen Islam und Marxismus) nicht einverstanden ist und einige Abstraktionen der Differenzierung bedürfen.