Riga

Je näher der 16. März rückt, desto mehr wächst die Unruhe in Lettland. In der Luft liegt etwas von längst vermotteten Uniformen der Waffen-SS, es klingt nach geisterhaften, längst vergessenen Liedern. Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen ...

Was ist der Grund dafür, daß das normale Leben in der schönen Hauptstadt Lettlands, ihr ruhiger Alltag, zu entgleisen droht? Warum bereitet sich die in zwei Teile gespaltete Gesellschaft zum Aufmarsch vor im Herzen Rigas - am Freiheitsdenkmal? Die tragische Geschichte des 16. März begann in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 im Kreml, wo der deutsch-sowjetische Pakt und die ihm beigefügten Geheimprotokolle unterzeichnet wurden. Molotows und Ribbentrops Unterschriften waren ein Startsignal für eine Kette von dramatischen Ereignissen. In Schlagzeilen: Zweiter Weltkrieg. Teilung Polens. Angriff gegen Finnland. Annektion der Baltischen Republiken und erzwungene Eingliederung in die Sowjetunion.

In Lettland folgten Terror, Mord von Patrioten, Deportationen. An diesen Greueltaten beteiligten sich auch Sonderkommandos von Kollaborateuren. Auf Hitlers Befehl wird 1943 die Lettische Waffen-SS-Legion gebildet, bestehend aus rund 140 000 Freiwilligen und Eingezogenen. Die Rote Armee hat mehr als 100 000 Menschen aus Lettland in ihren Reihen.

Nach der Kapitulation des "Dritten Reiches" gelang es einem Teil der Legionäre, in den Westen zu fliehen. Die in sowjetische Gefangenschaft geratenen SS-Leute verbrachten schwere Jahre in den Gulags, und nach ihrer Rückkehr waren sie in Lettland rechtlos und diskriminiert. Während der Perestrojka reihten sie sich in die Volksfront ein, um im freien Lettland nun ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Leider ist es nicht gelungen, einen Ausgleich zwischen den zwei Veteranengruppen zu erreichen: Zu groß sind die Kluft und der geschürte Haß. Zusätzlich wird von offizieller Seite die Legion als Kampfeinheit betrachtet, die für Lettlands Freiheit und gegen die UdSSR, doch nicht für Deutschland in den Krieg gezogen ist. Aber die Rotarmisten-Veteranen werden leichter Hand für die sowjetischen Gewalttaten verantwortlich gemacht.

Obgleich sich die Beziehungen langsam normalisieren, sind sie in dieser heiklen Frage noch festgefroren. Auf gemeinsame Trauertage können wir noch nicht hoffen. Schon im Vorjahr wurde der Aufmarsch der bejahrten Legionäre mit Fahnen und Hakenkreuzen und mit Beteiligung prominenter Politiker und Militärs nicht nur von der russischen Presse in Riga scharf kritisiert. Er führte auch zu einer Zuspitzung der Beziehungen zu Rußland und der Verurteilung Lettlands in Westmedien. Leider haben die Regierung und das Parlament daraus keine Konsequenzen gezogen.