Von seiner Zukunft hat der 13jährige Sebastian Friedrich klare Vorstellungen: "Zuerst will ich ans Gymnasium, dann Ökonomie studieren und schließlich Manager werden." Dabei ist er schon längst einer: Zusammen mit dem gleichaltrigen Michael Kratzert leitet er Power-Tours, das "1. Sächsische Schülerreisebüro" in Hoyerswerda.

Dienstags und donnerstags herrscht in den drei Räumen des Reisebüros Hochbetrieb. Nicht weniger als 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwischen 11 und 15 Jahren nehmen Aufträge entgegen, recherchieren Reisemöglichkeiten und schließen Verträge ab. 131 Aufträge sind beim Schülerunternehmen in den vergangenen drei Jahren eingegangen: "Gut die Hälfte davon haben wir erfolgreich vermittelt", bilanziert Sebastian Friedrich, der die 7. Klasse der 6. Mittelschule in der Hoyerswerdaer Neustadt besucht.

Der Enthusiasmus und Pioniergeist der Jungunternehmer von Power-Tours kontrastiert mit der trostlosen Umgebung. Seit der Wende haben Tausende von Menschen Hoyerswerda, die "Zweite sozialistische Wohnstadt der DDR", verlassen, weil es hier keinen Arbeitsplatz mehr für sie gibt. Das nahe gelegene Braunkohlekraftwerk bietet gerade einmal 3000 Menschen Arbeit - vor zehn Jahren waren hier zehnmal so viele beschäftigt.

Trotz der massiven Abwanderung liegt die Arbeitslosigkeit in Hoyerswerda noch bei über 27 Prozent. "Besonders schlimm ist es für uns Junge", sagt Anne Reimann, die bei Power-Tours den Geschäftsbereich Öffentlichkeitsarbeit leitet. "Es gibt kaum Lehrstellen. Und fast keine Freizeitmöglichkeiten für uns." Das hatte auch die Leitung der 6. Mittelschule überlegt, als sie im August 1994 einem Modellversuch "Erziehung zu Eigeninitiative und Unternehmergeist" an ihrer Schule zustimmte. Dieses vom Sächsischen Kultusministerium initiierte und von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung getragene Programm hat an fünf sächsischen Schulen die Gründung von Schülerfirmen angeregt.

Power-Tours wählte die Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH), um sich - wie Friedrich, ganz Profi, formuliert - "nicht dem Leistungsdruck gegenüber den Aktionären aussetzen zu müssen". Wußte doch zu Beginn niemand, ob die angebotenen Leistungen auch angenommen würden. Doch die drei bisherigen Geschäftsberichte sprechen eine klare Sprache: Für jedes Jahr hat Power-Tours einen Gewinn ausweisen können, der an die Mitarbeiter ausgeschüttet wurde - in Form von Prämien zwischen 5 und 40 Mark.

Wer bei Power-Tours einen Auftrag erteilt, ob Schulklasse, Sportverein oder Privatperson, muß mit einer Bearbeitungszeit von vier Wochen rechnen. Das Produkt, das die jungen Unternehmer in diesem Zeitraum herstellen, ist eine den Kundenwünschen entsprechende günstige Reise. Die Vermittlungsgebühren sind erschwinglich - eine Mark pro Tag und Person - und sie fallen auch nur an, wenn die Reise tatsächlich zustande kommt.

Wichtiger als der Betrag ist für Power-Tours das Prinzip: Leistung wird nicht umsonst erbracht. "Bei uns wird gewinnorientiert, aber nicht gewinnsüchtig gearbeitet", sagt der Lehrer Gerald Jonack; zusammen mit zwei Kolleginnen betreut er die Schülerfirma seit ihrer Gründung. Jonack verhilft dem ungewöhnlichen Geschäft zu Kontinuität. Jedes Jahr muß nämlich, nachdem die Mitarbeiter aus der 10. Klasse die Schule - und damit auch die Firma - verlassen haben, Nachwuchs rekrutiert werden. "Das fiel in den ersten beiden Jahren schwer", sagt Jonack, "doch seit wir bekannt sind ..."