Schrrttsch, schrrttsch, schrrttsch: rhythmisch kratzen 60 Kufen über die spröde Oberfläche des zugefrorenen Ostseearms Edsviken ungefähr 15 Kilometer nördlich von Stockholm. Ab und zu kommt jemand aus dem Takt und stolpert, aber rasch ist der Gleichklang der 30 Beinpaare wiederhergestellt. Geredet wird wenig, dazu fehlt die Kraft, denn das Eis ist heute harschig und macht das Fahren anstrengend. Trotz klirrender Kälte stehen einigen die Schweißperlen im hochroten Gesicht. Schon zweimal hat die Gruppe angehalten, um sich aus Pullovern und Schals zu pellen.

"Als es am Anfang der Woche kalt wurde, hat es gleichzeitig auch geschneit. Der Schnee ist ins Wasser gefallen und dort gleich festgefroren, daher die rauhe und unebene Oberfläche", erklärt Gunnar Löf, der die Gruppe an diesem sonnenstrahlenden Samstag vormittag betreut. Löf ist Deutschlehrer, sein Engagement für den Schlittschuhlauf ist reiner Idealismus, er bekommt dafür nichts, wir haben umgerechnet etwa acht Mark für den Ausflug gezahlt.

Um zehn Uhr hatte Gunnar Löf die 30 Teilnehmer am Sportplatz von Sollentuna, einem Vorort der schwedischen Hauptstadt, begrüßt. Gleich darauf staksen wir auf See: eine zusammengewürfelte Gruppe, in der kaum jemand den anderen kennt und die eigentlich nur zwei Dinge vereint - alle laufen gerne Schlittschuh, und alle haben am Abend zuvor den Anrufbeantworter des Stockholmer Vereins Friluftsfrämjandet angerufen (Tel. 457 05 10). Von November bis Ende März kann man dort jeden Freitagabend ab 19 Uhr abhören, wo am Wochenende organisierte Touren hingehen. Kürzere Ausflüge am Samstag und längere am Sonntag.

Jetzt ist die bunte Schar in gleißendem Sonnenschein auf dem Weg nach Süden, in Richtung Stockholmer Innenstadt. Wer Kraft genug hat aufzuschauen, der sieht die Luxusvillen der begüterten Stockholmer am Ufer vorbeiziehen. Für eins dieser Strandgrundstücke mitsamt Jahrhundertwendevilla muß der Käufer Millionen von Kronen hinblättern. Im Sommer völlig einsam, liegen sie bei diesem Wetter nun plötzlich wie an einer Autobahn für Schlittschuhläufer. Entsprechend haben die Besitzer sich verrammelt: Heruntergezogene Gardinen und winterfest gemachte Bootsstege signalisieren den Wunsch der Eigentümer, sich vor der Invasion der Wintersportler möglichst abzuschirmen.

Aber nur wenige von uns nehmen die Herrlichkeiten wirklich wahr. Die meisten kämpfen mit dem verharschten Eis, denn je nach Kondition beginnen durch das ständige Vibrieren der Kufen langsam die Knie zu zittern an. Fast ist man geneigt, diejenigen zu beneiden, die am vergangenen Samstag schon mit auf dem Ausflug waren: "Da hatten wir herrliches Eis, spiegelblank!"

Die Fahrzeit ist auf zweieinhalb Stunden berechnet. Eine knappe Stunde liegt hinter uns. "Mit einer Gruppe zu fahren hat mehrere Vorteile", erklärt Birgitta Höglin, eine weißhaarige Dame Ende Fünfzig, als wir wenig später auf einer kleinen Insel Rast machen, Thermoskaffee schlürfen und die mitgebrachten Brote essen. "Erstens kommt man an Orte, auf Gewässer, wo man sonst nie hinfahren würde. Und zweitens fühlt man sich sicherer als allein."

Von Alleinsein kann nun wirklich nicht die Rede sein. Wer skandinavische Einsamkeit sucht, der wird hier enttäuscht sein. Aber dafür befinden wir uns ja auch nur noch ungefähr fünf Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Außer uns haben sich noch drei bis vier weitere Gruppen mit ihren Thermoskannen niedergelassen.