Trägt Monika Lewinsky die Schuld am Krieg gegen den Irak? Haben Demütigung, Ohnmacht und Wut über den Verrat seiner Liebelei den amerikanischen Präsidenten zum Feldzug motiviert? Fragen, die Ende vergangenen Jahres die Weltöffentlichkeit bewegten. Ein Alptraum wurde wahr: Ein Mann beschwört die Katastrophe nur deshalb herauf, weil er unter der Last der aufgedeckten Geheimnisse seines Lebens und Charakters zusammenzubrechen droht.

Die Lewinsky-Affäre ist zum Symbol geworden. Richter, Staatsanwälte, Politiker und die geile Meute der Medien sind nicht müde geworden, das persönliche Geheimnis Clintons so lange im Rampenlicht zu zerfleddern, bis kein Spermatröpfchen mehr unentdeckt blieb. Damit war das Unheil, wie die Kulturgeschichte von der griechischen Tragödie bis zum Alten Testament belegt, vorhersehbar, logisch programmiert. Der Krieg gegen den Irak im Dezember 1998 ist das Menetekel einer Epoche, die entschlossener denn je angetreten ist, auch die letzten Tabus auszurotten.

Diese weltpolitische Dimension ist von der amerikanischen Familientherapeutin Evan Imber-Black nur angedacht. Aber nach der Lektüre ihres Buches gehört kein Vergrößerungsglas dazu, um den Fluch zu ermessen, der von entlarvten Geheimnissen ausgehen kann. Die Autorin, Professorin für Psychiatrie in New York, ist in Deutschland durch das von ihr edierte Fachbuch Geheimnisse und Tabus in Familie und Familientherapie (1995) bekannt geworden. In ihrem jüngsten Werk entfaltet sie ein für Laien verständliches Panorama: Geheimnisse sind nun mal in jedem einzelnen, in jeder Familie und in jedem Paar behaust.

Der französische Psychoanalytiker Serge Tisseron hat in seinem kürzlich erschienenen Buch Die verbotene Tür (1998) deutlich gemacht, daß es heute nicht mehr ausschließlich um klassische Familiengeheimnisse geht, also nicht nur um Ehebruch, nichteheliche Geburt, Adoption, Inzest und Krankheit, Kriminalität oder den Selbstmord eines Angehörigen. Statt dessen können andere Themen zu Sprengsätzen im Familiensystem werden, beispielsweise die Erfahrung von Folter, politischer Verfolgung, ethnischen Konflikten, künstlicher Befruchtung, sexuellem Mißbrauch außerhalb der Familie, Drogenund Alkoholsucht, Aids oder Arbeitslosigkeit.

Sehr viel stärker freilich als Tisseron denkt Imber-Black den gesellschaftlichen Bezugsrahmen mit; etwa wenn sie die zu einem voyeuristischen Sadismus pervertierte Talk-Show-Kultur beschreibt, die intimste Geheimnisse ihrer Teilnehmer vor einem Millionenpublikum enthüllt und den vor Schuld und Scham zusammenbrechenden "Gästen" anschließend eine "Nachsorge" oder Therapie anbietet. In ihre Kritik bezieht sie auch die moderne Reproduktionsmedizin ein. Die Zahl künstlich erzeugter Kinder geht inzwischen in die Millionen; das Familiengeheimnis um ihre Herkunft erzeugt zwangsläufig Identitätsbrüche, die kaum zu heilen sind. Aufwühlend auch die Passagen, in denen die Autorin über medizinische Experimente an Menschen, sexuellen Mißbrauch von Kindern durch Priester oder über Kindesraub zur Zeit der Diktatur in Argentinien berichtet - unter der es sogar zur heimlichen Adoption durch Leute kam, "die die Eltern dieser Kinder ermordeten".

Die Analyse von Imber-Black konzentriert sich auf die Frage, welche seelischen Auswirkungen verborgene oder gebrochene Geheimnisse für den einzelnen haben. Aber ihre eindringliche Darstellung macht dem Leser deutlich, daß die Reaktionen bei jedem, der durch ein Geheimnis gefangengehalten oder durch ein aufgedecktes in seinem Selbstwert erschüttert wird, nicht auf das nahe Umfeld beschränkt bleiben. Sie wirken vielmehr in die Gesellschaft hinein. Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sind fließend. Die Lewinsky-Clinton-Affäre spiegelt kein Zerrbild der Wirklichkeit, sondern erhält ihre Dimension nur durch die unvergleichliche Macht, die beiden Mitspielern bei der Verwaltung ihres Geheimnisses zur Verfügung stand.

Seine Intensität bekommt das Buch durch zahlreiche Fallbeschreibungen aus der familien- und paartherapeutischen Praxis der Autorin, die sie immerhin seit 25 Jahren betreibt. Oft gelingen ihr kurze Skizzen, die die ganze Dramatik eines Familiengeheimnisses blitzartig erleuchten. So wird für den Leser nicht nur der erkennende Blick hinter die Schweigemauern und Masken eines quälenden Geheimnisses möglich; er erlebt auch die Therapeutin bei ihrer Arbeit, die Behutsamkeit, das Wissen und die Phantasie, mit denen sie Selbsttäuschungen und Verschleierungen schrittweise enthüllt. Kurzgefaßte Zwischenfragen sollen den Leser anregen, sich über seine eigenen Geheimnisse und deren Folgen für ihn selbst und seine Umwelt mehr Klarheit zu verschaffen.