Es ist viel passiert. Begonnen hat der Kiezkarneval am 8. 8. 88: Seitdem verklärt das Hamburger Schmidt-Theater Deutschlands geile Meile in einer endlosen Nummernrevue zur Operette. "Kleines Glück und große Träume. Zwischen Glämmor und Pomm' Fritt'". In rote Plüschsofas gelümmelt, kann man schrille Typen, sexuell Vielseitige, Zuhälter mit Herz bestaunen: die ganze Reeperbahn eine große, etwas andere Familie.

Das Schmidt ist mit diesem Programm zu einer äußerst erfolgreichen Hamburger Institution geworden. Seine Stars wie die ewig plappernde graue Maus Marlene Jaschke und der charmant-glamouröse Transvestit Lilo Wanders sind längst Fernsehgrößen. Genau das ist das Problem. Seit die Wa(h)re Liebe wöchentlich über bisexuell angehauchte Lesbenpärchen berichtet, die bei Sadomaso-Swingerpartys neue Fesselpraktiken erproben, ist die außergewöhnliche Welt der Schmidts längst normal geworden. Gute Zeiten für Fernsehsex sind schlechte Zeiten für Kiezromantik.

Doch jetzt hat das Theater einfach vom Fernsehen zurückgeklaut. Pension Schmidt ist die erste Seifenoper auf einer deutschen Bühne. Gespielt wird täglich außer Montag, jeweils am ersten Donnerstag des Monats kommt eine neue Folge über die Menschen im Hotel auf die Bühne. Mit einem "Pensionsausweis" versuchen die Schmidts, Dauerzuschauer zu werben, und damit der Einstieg nicht zu schwer fällt, beginnt man gleich mit Folge 352: Der Lottogewinn.

Von ebendem will sich die esoterische Pensionswirtin Cosima von Cattenstedt ein Erleuchtungsseminar beim Guru Swami Rosi leisten, ihr treuer Bediensteter Aristide Klöterbeck wird derweil von seiner besseren Vergangenheit eingeholt, während eine verbotene Liebe die Nutte Nadine und das "Mädchen für alles" Siegfried Üzgül verbindet. Durch all die Turbulenzen tobt die Pastorengattin Erdmute, zu Recht "die Strafe Gottes" genannt, und verkündet singend das Wort des Herrn.

Das ist wunderbar hanebüchener Trash, von den sechs Darstellern Bernhard Hofmann, Corny Littmann, Tilman Madaus, Kerstin Mäckelburg, Uli Pleßmann und Frank Wieczorek mit viel Schwung und Begeisterung aufgeführt. Aber wer die Seife auf die Bretter bringt, muß aufpassen, daß er nicht ausrutscht. Alles soll wie im Fernsehen sein - sogar die TV-übliche Werbepause wird auf Publikumzuruf improvisiert - und das geht im Theater nicht immer gut aus: Als sich Schmidt-Chef Corny Littmann zur Live-TV-Kritik ins RTL-Programm einschaltet, fällt ihm peinlicherweise nichts ein. Vor allem aber sind zweieinhalb Stunden für eine anständige Seifenoper schlicht zu lang.

Ob Pension Schmidt ein Publikumsrenner wird, was sich die PR-Abteilung noch einfallen läßt und wie Littmann seinen Patzer wiedergutmacht - das alles erfahren wir leider erst in den nächsten Folgen.