Nichts erinnert an die Katastrophe: Ozeanriesen gleiten behäbig an der Kulisse von Istanbul vorbei, Passanten flanieren am Ufer. Vor 7600 Jahren tobte hier ein Inferno. Am Bosporus war ein natürlicher Damm gebrochen, mit ungeheurer Wucht schoß Wasser aus dem Mittelmeer herab ins Schwarze Meer, das damals 150 Meter tiefer lag als heute. Tag für Tag donnerten rund 50 Milliarden Kubikmeter durch den Engpaß - der Inhalt des Bodensees. Mit der Kraft von 500 Schaffhausener Rheinfällen fraß sich die Flut metertief ins Gestein. Das Tosen war 100 Kilometer weit zu hören.

Der Wassereinbruch verwandelte den abflußlosen Süßwassersee des Schwarzen Meeres in eine brackige Salzwasserwüste. Forellen, Karpfen und Hechte gingen zugrunde. Ihre Kadaver verpesteten die Ufer. Tag für Tag stieg das Wasser um 15 Zentimeter, wodurch die Küstenlinie im flachen Norden um ein bis zwei Kilometer vorrückte. Die Wasserfront trieb Menschen und Tiere vor sich her und ertränkte alles, was sich nicht schnell genug ins Hochland retten konnte. Nach zwei Jahren waren rund 100 000 Quadratkilometer Ackerland im Meer verschwunden. Die Küstenbewohner flohen in alle Himmelsrichtungen. Für das Geschehene fehlte ihnen jede Erklärung: ein See, der Berge verschlingt, Trinkwasser, das sich in salzige Giftbrühe verwandelt, Fischschwärme, die tot an der Oberfläche treiben, und dazu das grausige Wummern und Grollen in der Ferne. Um die traumatische Angst vor dem Unfaßbaren loszuwerden, erzählten die Flüchtlinge ihre Erlebnisse wieder und wieder. In ihrer neuen Heimat griffen professionelle Geschichtenerzähler das Motiv auf und gaben es von einer Generation zur nächsten weiter. So verbreitete sich das Drama - der Mythos der Sintflut war geboren.

Verursachte ein Dammbruch am Bosporus die biblische Flut?

Diese These vertreten Walter Pitman und William Ryan im jetzt auf deutsch erscheinenden Buch Sintflut (Gustav Luebbe Verlag; 48,- DM). Die Geologen vom New Yorker Lamont-Doherty Earth Observatory behaupten, den wahren Hintergrund der Bibelstory aufgespürt zu haben. Die Sintflut, so lautet ihr Credo, fand am Schwarzen Meer statt. Ihre Indizien lassen keinen Zweifel am katastrophalen Dammbruch, der das Randmeer wie eine Badewanne vollaufen ließ. Bis in 150 Meter Wassertiefe brachten Rammbohrungen Reste einer einst knochentrockenen Landoberfläche ans Licht. Ablagerungen am Meeresgrund belegen auch das Süßwasserintermezzo nach der Eiszeit, das viele Jahrtausende dauerte. Erst vor 7600 Jahren ging die Süßwassertierwelt zugrunde. Quasi über Nacht tauchten im gesamten Flutungsgebiet Meeresmuscheln auf - ein Hinweis, daß die Katastrophe plötzlich hereinbrach.

Das Schwarze Meer war ins Getriebe der Klimamaschine geraten. Während der Eiszeit, als der Meeresspiegel weltweit um rund 120 Meter fiel, hatte es den Kontakt zum Mittelmeer verloren und war zum Binnenmeer geworden. Als dann vor 20 000 Jahren die Temperaturen wieder stiegen, strömten gewaltige Schmelzwasserflüsse aus den zurückweichenden Gletschern hinein, süßten das Wasser aus und ließen das Becken schließlich über das Marmarameer ins Mittelmeer überlaufen. Doch als sich die Eisschilde immer weiter nach Norden zurückzogen, folgten die Flüsse der gewaltigen Delle, die das kilometerdicke Eis in die Erdkruste gedrückt hatte, und drehten nach Westen ab, Richtung Nordsee. Das Schwarze Meer, vom Zufluß abgeschnitten, trocknete mehr und mehr aus, zumal neuerliche Kälteperioden der Region ein trockenes Klima brachten. Die Verbindung zum Mittelmeer fiel abermals trocken, der Wasserspiegel sank tief unter den der Weltmeere. Als dann der steigende Mittelmeerpegel die Dammkrone erreicht hatte, nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Zur Katastrophe wurde das kuriose Naturschauspiel nach Ansicht von Pitman und Ryan jedoch erst durch eine andere Folge der Eiszeit: Während der jahrhundertelangen Kälteperioden wurde die Region um das Schwarze Meer zu einem Auffangbecken für Umweltflüchtlinge. Die US-Geologen stellen sich folgendes Szenario vor: Trockene Kälte ließ im weiten Umkreis die Felder verdorren und das Vieh verdursten. Viele Menschen verließen Haus und Hof und brachen ins Gelobte Land auf. Wie ein Magnet sog das gewaltige Süßwasserreservoir die Siedler an. An seinen blühenden Ufern mischten sich Sprachen, technische Fähigkeiten, kulturelle Errungenschaften und Erbanlagen. Der Handel mit Obsidian, Leder- und Töpferwaren florierte, die Kunst der Landwirtschaft bekam ihren letzten Schliff. Möglicherweise entstand hier sogar die Technik der künstlichen Bewässerung. All diese Fähigkeiten nahmen die Menschen auf ihrer Flucht mit, die einige von ihnen bis nach Frankreich geführt haben soll. So gesehen, meinen die Sintflutforscher, war der Exodus der Schwarzmeerzivilisation ein Segen und "gab dem frühen Europa den Schub in ein goldenes Zeitalter".

Pitman und Ryan sind nicht die ersten, die der Sintflut nachspüren. Schon im Mittelalter erregte der biblische Mythos die wissenschaftliche Phantasie. Die gottesfürchtigen Gelehrten zweifelten keinen Moment an der Wahrheit des Alten Testaments und pochten auf handfeste Beweise: Sie deuteten versteinerte Fische und Muschelschalen, die überall im Sediment stecken, als Opfer der Sintflut. Wie sonst, argumentierten sie, könnte das Meeresgetier auf Alpengipfel gelangt sein? Schließlich heißt es im ersten Buch Mose: "Alle hohen Berge unter dem Himmel wurden vom Wasser bedeckt." Jetzt grassiert eine neue, eine ganz andere Art von Schriftgläubigkeit. Mythen, Sagen und Legenden gelten Wissenschaftlern als verläßliche Quellen - wenn man nur die phantastische Patina aus jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung herunterkratzt. Homers Odyssee hat demnach ebenso einen wahren Kern wie der Mythos des menschenfressenden Minotauros oder des Turmbaus zu Babel.