Leipzig

In ein paar Monaten wird das Parlament von Bonn nach Berlin in den Reichstag ziehen. Und es mehren sich die Stimmen derer, die den kollektiven Gedächtnisschwund zur Staatsdoktrin der "Berliner Republik" erheben möchten. Da hätte die posthume Ehre, die dem holländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe in Leipzig zuteil wurde, schon ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient. Mit großer Wahrscheinlichkeit war er es, der 1933 den Reichstag angezündet hat, um ein Fanal gegen die Nazis zu setzen.

Am 27. Februar 1933 leuchtete Feuerschein durch die gläserne Kuppel des Reichstages. Das Parlament stand in Rauch und Flammen. Für die Nazis war dies tags darauf ein willkommener Anlaß, einem angeblichen kommunistischen Aufstand mit einer Notverordnung "zum Schutz von Volk und Staat" zu begegnen. Die bürgerlichen Grundrechte wurden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt, eine gnadenlose Jagd auf Oppositionelle begann. Im brennenden Reichstagsgebäude wurde der junge Holländer Marinus van der Lubbe festgenommen und wenig später als Brandstifter angeklagt. Sein Prozeß vor dem Reichsgericht in Leipzig sprach rechtsstaatlichen Grundsätzen Hohn, auch wenn er noch nicht an die teuflischen Schaustücke heranreichte, die Freisler vor dem "Volksgerichtshof" inszenierte. Van der Lubbe wurde aufgrund eines nachträglich erlassenen Gesetzes zum Tod durch die Guillotine verurteilt und nach seiner Hinrichtung am 10. Januar 1934 auf dem Leipziger Südfriedhof anonym bestattet. Er war 25 Jahre alt.

In bemerkenswerter Einmütigkeit hat das Leipziger Stadtparlament vor zwei Jahren beschlossen, dem Nazijustizopfer van der Lubbe zu seinem 90. Geburtstag ein kleines Denkmal, ein Grabzeichen, zu setzen. Aus dem immer wieder aufflammenden Streit um die Hintergründe des Reichstagsbrandes hielt sich die Stadt wohlweislich heraus. Das Reichsgericht hatte den geständigen Holländer, sehr zum Mißfallen der Nazis, als Alleintäter verurteilt und die mitangeklagten kommunistischen Funktionäre, darunter Georgi Dimitroff, "mangels Beweisen" freigesprochen. Während westdeutsche Historiker wie Hans Mommsen von der Alleintäterschaft van der Lubbes ausgehen, vertrat insbesondere die DDR-Geschichtsschreibung die These, daß die Nazis selbst den Brand gelegt hatten, um ihre Gegner auszuschalten und die "Machtergreifung" zu vollenden. Der Casus birgt nach wie vor Zündstoff, auch wenn die Tat letztlich verblassen muß vor dem Terror, der ihr folgte.

In Leipzig sollte all dies zurücktreten hinter dem Andenken an das Schicksal des Menschen Marinus van der Lubbe. Zwei Cousinen des Holländers enthüllten den Gedenkstein am Ort seines Grabes; der Vertreter einer Amsterdamer Stiftung, die das Vorhaben unterstützt hatte, fand zum feierlichen Anlaß bescheidene Worte: Kein Heldendenkmal wolle man schaffen, sondern einen Ort der Erinnerung. Ein paar Wochen später hat die Stiftung einen zweiten Gedenkstein in Leiden errichtet, dem Geburtsort van der Lubbes, ein dritter soll in Berlin nahe dem Reichstag entstehen. Hoffentlich tun sich die Hauptstädter damit genauso leicht wie die Leipziger.