TUCUMÇ

Warum ich? Hätte man für diese CD keinen kompetenteren Rezensenten finden können? Einen Bossa-Nova-Liebhaber, Kenner der Tropicalia-Szene, Brasilien-Afficionado? (Nicht mal Portugiesisch beherrscht er.)

Mit Amor Brasileiro beginnt der Sänger und Komponist Vinicius Cantuária, leicht und schwebend à la Jobim, das folgende, samtene Tenorsaxophon zitiert nicht nur den großen Stan Getz, nein, es knüpft genau dort an, wo unser Mißtrauen schlummert, bei Desafinado und The Girl From Ipanema, dem Duft einer verführerischen Welt, in der Bossa Nova dem Jazz einen Drink serviert, vice versa.

Doch dann verändert sich alles: Sanfona, ein schnelles, nervöses Lied über den Punkt, da Dinge sich in ihr Gegenteil verkehren, ein Ende zum Anfang wird. Mitten im akustischen Gitarrensolo durchbricht der Song eine Grenze, klingen Cello, Baß und Stimme wie aus einer parallelen Welt, ein Sample wiederholt sich, als hätte die digitale Platte einen Sprung.

Brasilien liegt in New York City. Seit vier Jahren lebt Vinicius Cantuária im musikalischen Exil, mit der Stimme in der Heimat, die Klänge reiben sich an der Metropole. Bill Frisell und Joey Baron heißen die neuen Freunde, Sean Lennon und Laurie Anderson und vor allem Arto Lindsay. Der frühere Noise-Gitarrist und spätere Beschwörer brasilianischer Musikpoesie hatte schon vor zwei Jahren Cantuárias CD Sol Na Cara produziert, nun verkörpert er die schizophrene Seele dieser schmeichelnden Musik.

Ganz zart schleicht die Stimme Cantuárias sich ins Lied, die trügerische Unbeschwertheit des Beiseitesprechens verbindet sich mit den weiten Bögen des gestrichenen Cellos von Erik Friedlander, man hört gar ein Streichquartett, dazu rhythmische Samples und der Schwebeklang von Gitarren - TucumÆ wird immer mehr zur Musikplastik zwischen Bewegung und Stillstand. Ein Lied im Zentrum der Spannung, nur in der Fremde spürt man die eigene Geschichte. Zwei Welten, eine Musik: Retirante mit seinem amerikanischen Echo - Laurie Anderson aus dem Off - oder Aviso Ao Navegante, jener doppeldeutige Song über alle barfüßigen, brasilianischen Jungen, die dem Fußball diesen unglaublichen Effet verleihen können. Welch Bild für diese Musik: Der Ball dreht sich um seine eigene Achse während er in einer Richtung fliegt; er scheint sich vom Ziel wegzubewegen, um es doch in einer Kurve zu erreichen.

Biographie: Vinicius Cantuária ist Mitte Vierzig, hat als Schlagzeuger und Gitarrist, Sänger sowie Komponist, unter anderem für Caetano Veloso, drei Leben hinter sich, das vierte nennt sich Neo Bossa, könnte in der Verbindung aus akustischen Instrumenten und gesampelten Rhythmen einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie ehedem Astor Piazzolas Tango Nuovo.