Für den jungen Frankfurter Nervenarzt war die Patientin Auguste D. in gewissem Sinne ein Glücksfall. Die Eisenbahnkanzlistenfrau wurde 1901 im Alter von 52 Jahre wegen Vergeßlichkeit, Eifersuchtswahn und wachsender Desorientierung in die Städtische Anstalt für Irre und Epileptische eingewiesen. Während sie im Laufe der Zeit immer aggressiver und hilfloser wurde, befaßte sich der Arzt intensiv mit der Kranken und protokollierte minutiös die Ergebnisse dieser Gespräche.

Nahezu ein Jahrhundert später fand sich die historische Krankenakte von Auguste D. - falsch abgelegt - zufällig im Keller der heutigen Frankfurter Universitätsklinik für Psychiatrie wieder. Die Blätter im blauen Pappeinband gaben Klinikdirektor Konrad Maurer den Anstoß, den Entdecker einer der tückischsten Krankheiten der Industriegesellschaft zu porträtieren. Das grausame, nach Alois Alzheimer benannte Hirnleiden, zerstört vor allem bei alten Menschen unaufhaltsam Körper und Geist. Wegen der wachsenden Lebenserwartung ist es immer weiter verbreitet. Jeder zweite, der das biblische Alter von 100 Jahren erreicht, erkrankt daran, schreiben Ulrike und Konrad Maurer.

Ihr gemeinsames Buch mit dem schlichten Titel Alzheimer richtet sich - abgesehen von einigen Literaturhinweisen und ein paar Kontaktadressen - allerdings nicht an Betroffene. Die Krankheit selbst bleibt im Grunde außen vor. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Werdegang des Mannes, der erstmals die furchtbaren Symptome beschrieb. Wissenschaftshistorisch gesehen ist solcherart thematische Beschränkung durchaus legitim. Bedauerlich ist dabei nur, daß von Alois Alzheimer praktisch kein Nachlaß und keine Korrespondenz existieren, die als Grundlage für eine farbige Biographie hätten dienen können.

So halten sich der Frankfurter Psychiater und seine Frau eng an die wiedergefundene Krankenakte von Auguste D. Viereinhalb Jahre lang beobachtete Alois Alzheimer in der damaligen Irrenanstalt auf dem sogenannten Affenstein den fortschreitenden Verfall der noch relativ jungen Patientin. Nach ihrem Tod sezierte er das Hirn der Verstorbenen, färbte die Schnitte ein und legte die Präparate unter das Mikroskop. Dabei stellte er schwere Faserveränderungen, abnorme Eiweißablagerungen und hochgradigen Substanzschwund fest.

Das Ergebnis bestätigte Alzheimer in seiner Überzeugung, daß psychische Erkrankungen Hirnerkrankungen mit körperlichen Ursachen sind, denen man mit dem Mikroskop auf die Spur kommen kann und muß. Mit seiner Methode stellt er sich quer zur gerade aufkommenden Psychoanalyse, die psychische Probleme mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit zu verbinden suchte. Alzheimer mußte nur wenige Jahre warten, bis seine histopathologischen Erkenntnisse Anerkennung fanden. Bereits 1910 erwähnte sein damaliger Chef Emil Kraepelin die Erkrankung als "morbus Alzheimer" in seinem prominenten Lehrbuch. Erst fünfzig Jahre später allerdings setzte sich der Begriff weltweit durch - als Reimport aus den USA.

Ulrike und Konrad Maurer haben sich redlich und ohne Adoration bemüht, aus dem vorwiegend amtlichen Faktengerüst einen Arzt und Wissenschaftler aus Fleisch und Blut zu erwecken. Bei der bescheidenen Materiallage konnte das nicht immer gelingen. Zugute halten muß man ihnen immerhin, daß sie die Dürre des Materials nicht mit romanesken Ausschmückungen zu kompensieren suchten. Trotz der Beschränkung auf die Dokumente gelingt es den Verfassern, Alois Alzheimer als nimmermüden, geduldigen Kliniker, als engagierten, akribischen Forscher und als verständnisvollen Kollegen und Chef, Freund und Familienvater zu zeigen.

Konrad und Ulrike Maurer: Alzheimer Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit; Piper Verlag, München 1998; 320 S., 39,60 DM