Jetzt müßte man vier Ohren haben, um alles mitzukriegen, was eine knappe Stunde lang zu hören ist in dieser Kleinen Kulturgeschichte des Herings. Da pfeift der Wind, tuckert ein Fischkutter, schwappt Seewasser gegen den Kiel, berichtet eine diplomierte Fischbiologin vom Aufstieg des Arme-Leute-Fischs, werden Anekdoten und Rezepte erzählt, wird aus dem Mythen-Buch Der Butt von Günter Grass erzählt und singt mit brüchiger Stimme ein Kind Wolf Erlbruchs Märchenlied von den Zehn grünen Heringen.

Ein ungewöhnliches, schönes Hörbuch. Mal keine Dichtung, weihevoll rezitiert, keine Dokumentation, mit angestrengtem Ernst in unsere Ohren gesenkt, sondern eine literarisch-musikalische, kulinarische, historische und (fischerei-)politische Reportage, eine märchenhafte, doch realistisch-witzige Vorstellung des Fischs, der einst Volksnahrungsmittel war und noch heute ein Viertel des Fischverzehrs in Deutschland bestreitet: drei bis vier Kilo pro Person im Jahr. Was bekannte die Frau des Bundespräsidenten: Ohne Heringssalat an Silvester will auch diese Familie, wie Millionen andere, nicht ins neue Jahr gehen.

Arme-Leute-Fisch? Vor hundert Jahren schon kam der Tiervater Brehm ins Schwärmen über den Clupea harengus, den uralten Meerbewohner: "Die rund zweihundert Arten sind zum großen Teil Bewohner der Küstenzonen ... Schuppenkleid oberseits dunkelblaugrün, purpurn schimmernd, unterseits perlmuttersilberglänzend, golden und violett überhaucht."

Das Fischlein, 20 Zentimeter lang, flitzte bis vor 100 Jahren noch auf die Sandbänke an der Südküste von Schweden. So dicht drängten sich dort die Heringe, daß Ruderboote steckenblieben. Und, man glaubt es kaum, ein ins Netz gegangener Schwarm brachte ein 19 Meter langes Fischerboot zum Kentern. Schonen (Skåne) hieß die Landschaft damals, die heute Malmö und Umgebung genannt wird. Doch von den Schonen-Fischern geht bis heute die Rede. Mit Salz aus Lüneburg vor Verderb gesichert, gingen die Fässer in alle Welt. "Heringsnasen" hießen keineswegs die an Ost- und Nordsee lebenden Menschen, sondern die Thüringer, die genug Geld hatten, sich die Heringstonnen liefern zu lassen.

Bis heute schwimmt der Fisch im Sprichwort weiter, als Bild von etwas Kleinem, wenig Wertvollem. "Schmaler Hering" meint einen mageren, dürren Kerl. Ein "Hering vor Johannis", dem 24. Juni, schmäht eine halbe Portion von Mann. Erst am Gedenktag für Johannes den Täufer durften die jungfräulichen, die Mädchen-Heringe, die "Matjes", gekehlt und mit einem kräftigen Schluck Genever verzehrt werden.

Wer heute ins St.-Annen-Museum in Lübeck kommt, staunt vor zwei großen Bronzegefäßen. Die 20-Liter-Eimer waren einst Eichmaß für die in alle Welt exportierten Heringsfässer. Was dort Geschichte ist, lebt an der Schlei, zwischen Schleswig und Kappeln, gerade noch so fort: Von 41 Heringszäunen im 17. Jahrhundert ist nur einer übriggeblieben, der letzte in ganz Europa.

All das erfährt man in diesem Hörbuch, einer faszinierenden Mischung von O-Ton-Reportage, Hörspiel und Zitatensammlung. Schonischer Hering heißt eines der Zwischenkapitel des Butt von Günter Grass (1977). Daß jemand Rezepte nicht für den Staat, sondern für den heimischen Herd kritzelt, ist noch immer verdächtig. Um so schöner, daß dieses Hörbuch (die Autorin spricht von "Hering, eingelegt in HörKonserve") uns auch solche Sätze zumutet: "Die schonischen Heringe kann man frisch verwenden, einsalzen, räuchern oder marinieren. Man kann sie kochen, braten, backen, dünsten, filetieren, entgrätet füllen, um Gürkchen rollen, in Öl, Essig, Weißwein, sauren Schmand legen ..." (weiterlesen im Butt, Seite 200, weiterhören auf dieser Kassette.)