Das Zusammenwachsen unserer westlichen Welt geht heute nicht mehr mit der Befreiung der Menschen einher, wie dies bei der Entstehung der Nationen unserer Nachbarn und auch der USA der Fall war, sondern vielmehr mit Bindung und Einordnung, zum Teil auch Unterordnung in die Weltsysteme. Dies macht es viel schwieriger, die Menschen für die globalen Systeme auch emotional zu erwärmen. Es darf daher nicht wundern, daß ein kopfgesteuerter Toleranzbegriff, wie er auch in dem Artikel zutage tritt, die Menschen hierzulande mehr verunsichert als aufmuntert. Politik ist hier die Kunst, durch Bindung an die menschlichen Emotionswelten Toleranz für rational Neues zu schaffen, ohne viel darüber zu reden, frei nach dem chinesischen Sprichwort, nach dem nur, wer Schuhe besitzt, auch barfuß gehen könne. Oder hätten Sie gedacht, daß es in Bayern einen staatlich geförderten Islamunterricht an den öffentlichen Schulen gibt? In der jetzigen Staatsbürgerschaftsdebatte rächt es sich, daß die Grünen die Emotionen, welche in der Bevölkerung zum Thema Nationalität und Gerechtigkeit existieren, vernachlässigt und zu einem gefundenen Fressen für die CDU gemacht haben. Die Ostpolitik Willy Brandts ist hierzulande nicht zuletzt auch durch die gleichzeitige Möglichkeit tolerabel geworden, daß die Menschen im geteilten Deutschland wieder erlebbar miteinander zusammenkommen konnten.

Dr. Michael Parbs-Dalitz Lübeck

In der Diskussion um internationale "multiethnische" Schriftsteller wie Walcott, Ondaatje, Rushdie gehen "deutsche" Autoren etwas unter. Zu Unrecht. Denn in Andrea Böhms Artikel finden zwar Rafik Schami, Seligmann und mehrere türkischdeutsche Autoren Erwähnung - nicht aber die Tatsache, daß die deutsche Literatur der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts stark von deutschschreibenden Autoren, die von "außerhalb" kommen, geprägt wurde. Das bezieht sich nicht einmal auf zum Beispiel Frisch, Dürrenmatt, Thomas Bernhard und Jelinek aus der Schweiz oder aus Österreich, die eine gewisse "deutsche" Multikulturalität im deutschen Sprachraum repräsentieren, sondern auf jene viele, die nicht aus dem deutschen Binnenraum kommen. Oder sollte man etwa auf Paul Celan in der deutschen Literatur verzichten? Auf Elias Canetti? Oder - um Zeitgenoss(inn)en zu erwähnen - auf Oskar Pastior und Herta Müller? Selbst Grass' Werk wäre ohne die "polnische" Komponente undenkbar ...

Die multiethnischen Autoren sind nicht "zwischen die Fronten geraten", sondern "Boten zwischen den "Lagern". Das gilt sogar für Rushdie, dessen Satanische Verse im Westen sicher mehr positives Interesse am Islam hervorgerufen haben als Ablehnung - selbst wenn religiöse Fanatiker das anders sehen (wollen) ...

Franz Csiky, Bruchsal