Was einem unter dem Titel Newsletter auf den Tisch kommt, ist meist das öde Mitteilungsblättchen einer Institution, in dem alles mögliche zu finden ist - nur keine Neuigkeiten, die irgend jemand außerhalb interessieren könnten. Dies hier ist etwas anderes: Der Newsletter des Committee on Intellectual Correspondence erscheint zweimal jährlich und enthält auf 48 engbedruckten Seiten kaum Langweiliges.

Das mag daran liegen, daß das Projekt, eine amerikanisch-deutsch-japanische Koproduktion, von klugen Köpfen geleitet wird, die auch die meisten der Texte beisteuern: Daniel Bell, amerikanischer Soziologe; Wolf Lepenies, Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, und Masakazu Yamazaki, Direktor des Theaters von Hyogo bei Kobe. Neuerdings spielt Mark Lilla eine führende Rolle, ein junger Philosoph aus New York, der einem breiteren Publikum durch seine scharfsinnigen Essays in der New York Review of Books (über Derrida, Foucault, Heidegger, Schmitt) bekannt ist. Ab der nächsten Nummer wird er die Redaktion leiten, eine gute Entscheidung.

Das in englischer Sprache publizierte Blättchen entzieht sich aufs angenehmste den Anforderungen des modernen Layouts - ein paar Illustrationen von Grandville, drum herum soviel Text wie möglich: Dies hier ist eine Angelegenheit für Leser. Und zwar besonders für jene Leser, die darunter leiden, daß sie nicht alles lesen können. Der Newsletter bietet Berichte aus dem "geistigen Leben", wie man früher sagte. Die Mannschaft durchkämmt weltweit Periodika, Fachliteratur und Belletristik, um ihr Publikum in einer klaren, verständlichen Sprache auf den neuesten Stand zu bringen. Alle reden ja dauernd von der Globalisierung, aber wer weiß schon, worüber die Nachbarn sich die Köpfe zerbrechen? Daniel Bell schreibt: "Unsere Absicht war es, den kulturellen Provinzialismus, der viele Länder voneinander abschirmt, zu überwinden, und auch die hermetischen Diskurse, in denen die Disziplinen isoliert sind."

Dieses Mal geht es um die Zukunft des Verlagswesens nach der Digitalisierung, um die englische Kulturpolitik nach Blair, um Neuigkeiten vom italienischen Buchmarkt, Pierre Bourdieus Radikalisierung, lateinamerikanische Romane nach dem Magischen Realismus, den Kult um Hannah Arendt in Deutschland, das Ende des japanischen Egalitarismus durch die Rezession und vieles mehr. Das Reizvolle am Newsletter ist, daß er zusammengerüttelt und -geschüttelt ist wie eine Wundertüte.

Wußten Sie etwa, daß der arabische Roman sich zu verändern beginnt, seit immer mehr Autoren übersetzt werden, eine Folge des Nobelpreises für Nagib Mahfuz? (Viele Romane werden jetzt gleich für den internationalen Markt geschrieben, was man daran bemerken kann, daß Bezüge auf westliche Kultur - wie etwa "Barbiepuppe" - unerklärt bleiben, während bekannte arabische Bräuche ausführlich erläutert werden.)

Wußten Sie, daß die rumänische Literaturszene nach rechts driftet? (Der Autor Norman Manea, der über die faschistischen Verstrickungen von Mircea Eliade und Emile Cioran geschrieben hatte, sah sich einer antisemitischen Kampagne in Romania Literaria, der wichtigsten Literaturzeitschrift des Landes, ausgesetzt.)

Wußten Sie, daß in Amerika der Druck von Büchern on demand (auf Nachfrage) dazu führt, daß rare Titel wieder aufgelegt werden können? (Und daß vielleicht der Begriff "nicht mehr lieferbar" bald der Vergangenheit angehören wird, denn elektronisch gespeichert könnte jedes Buch jederzeit ausgedruckt werden: Das Yiddish Book Center in Amherst, Massachusetts, sammelt alle jemals in jiddisch geschriebene Literatur und macht sie auf diese Weise zum Standardpreis zugänglich, ohne die Barriere einer Mindestauflage.)