Seit Homer von ihm Notiz nahm, ist die Mühsal des Sisyphos und seiner Nachkommen ein Mythos. Der Berg. Die Schwerkraft. Der Felsbrocken. Der Zwang, ihn immer wieder hinaufwälzen zu müssen. Dem jüngsten Sproß des beladenen Geschlechts hat die Vorsehung eine Variante zugedacht: Sein Brocken rollt nicht mehr herab. Doch wartet unten ein neuer - und manchmal sogar derselbe. Mit diesem Sproß könnte man den nunmehr 87jährige Dirigenten Günter Wand vergleichen.

Seine Unermüdlichkeit gilt den Komponistenklassikern, an denen zu arbeiten er nicht aufhören kann. Für Wands selbstgewählte Heimsuchung wäre es das größte Unglück, wenn er dabei nicht täglich von vorn anfangen dürfte. Jede Probe ist ihm Befragung der Musik; jede Aufnahme durchlüftet eine frühere. In der Dialektik von Steigerung und Revision ist alles vorläufig. Keine Testamente. Gleichwohl findet man in Wands bisheriger CD-Hinterlassenschaft etliche Einspielungen, an denen man mit dem Gefühl ausruht: So möchte es sein, für nun und immerdar. Das gilt auch für Wands zweite Gesamtaufnahme der vier Symphonien von Johannes Brahms mit dem NDR-Sinfonieorchester (RCA 3 CD 09026 63348; Vertrieb BMG Classics). Schwer vorstellbar, die Final-Energien der c-moll-Symphonie könnten jemals vehementer gelöst werden. Wand liest die Partitur lakonisch und präzise: fließendes Thema, gesanglicher Vortrag - und dann der Stromstoß eines Tempowechsels. Fast fällt man vom Stuhl. Gibt es Schöneres als die produktive Unruhe, welche die Genauigkeit stiftet?

Wands Sicht auf Brahms ist auch deshalb zeitlos modern, weil sie das Progressive der Musik gegen jedwede Glättung verteidigt. Weil sie den Sirenenrufen des nur süßen Klangs widersteht (im Andante der Dritten). Weil sie einkomponierte Schärfen und Kühnheiten (in der Passacaglia der Vierten) nicht als bloße Ausrufezeichen hinstellt, sondern zu erfüllter Struktur verdichtet. Solche Sittlichkeit des Interpretierens hat es nicht nötig, sich mit Geheimniskrämerei zu bemänteln. Sie spricht und überwältigt durch sich selbst.

Dabei scheint, als habe sich das NDR-Orchester über die Jahre noch inniger mit Wands liebender Strenge angefreundet; als sei es nun schier intim mit seiner Welt- und Werksicht. Es muß nicht mehr gewonnen und belehrt werden. Wand seinerseits wirkt in einigen Momenten dieser Live-Mitschnitte gelassener als früher. Der Beweiszwang fehlt. Nervöses atmet.

Der Sisyphos Günter Wand darf, treu nach Albert Camus, für einen glücklichen Menschen gehalten werden.