Es war im vergangenen Herbst, noch vor der Wahl in der Bun- desrepublik, als der Economist auf dem Titelblatt einen deutschen Politiker präsentierte. Neben dessen strahlendem Gesicht prangte die Frage: "Würden Sie von Gerhard Schröder einen Gebrauchtwagen kaufen?"

Inzwischen ist der "Auto-Mann" Bundeskanzler und Herr der deutschen EU-Präsidentschaft. Nun müssen sich 14 Regierungen in Europa entscheiden, ob und wie sie mit ihm ins Geschäft kommen wollen. Seit Montag nacht bauen sie mehr denn je auf Schröders Talent als Makler: Der kollektive Rücktritt der Brüsseler Kommission beraubt die 15 hohen Herren ihres Schlichters, der für heikle Streitereien so häufig eine technokratische Lösung weiß. Zudem wird die Suche nach einem Ausweg aus dem Brüsseler Schlamassel Zeit verschlingen. Doch Schröder weiß: "Nun müssen wir dafür sorgen, daß Europa handlungsfähig bleibt." Denn eine zweite Krise, das will der Kanzler signalisieren, könnte den Euro in den Keller treiben.

Alle gemeinsam gegen die Briten

Schröders Chancen, im Morgengrauen des 26. März den EU-Ländern einen Deal abzuringen, stehen so schlecht nicht. Außenminister Joschka Fischer, der am vorigen Wochenende mit seinen Amtskollegen im sonnigen Rheingau eine Lösung für die lange Berliner Gipfelnacht vorbereitete, sah gar schon "den Kompromiß in Zahlen vor Augen". Ziffern samt Kommastellen blieben zwar sein Geheimnis, auch wähnte er da die EU-Kommission noch fest im Sattel. Aber die Grundzüge einer Einigung lassen sich ausmalen. Genauso wie jene Frontlinien, an denen sich die EU-Partner erst noch abkämpfen müssen: Deutsche gegen Spanier, Holländer gegen Italiener - und alle zusammen gegen die Briten.

Denn spätestens in Berlin endet die Schonzeit, die Europa Tony Blair bislang gewährt hat. Aus Sorge vor neuen Wellen europhober Hysterie auf der Insel flüsterten Diplomaten wie Minister bisher nur, wenn sie von London eine Reform jenes EU-Rabatts verlangten, den vor 15 Jahren die Eiserne Lady mit der Handtasche erstritten hatte. Auf dem Gipfel droht jetzt Krach über die bis zu sechs Milliarden Mark, um die seither Großbritanniens EU-Rechnung alljährlich gekürzt wird. Blair deklariert den rebate als "nicht verhandelbar". Doch ohne Abschlag wird ihn keiner der 14 anderen Regierungschefs davonkommen lassen, schließlich profitiert London von etlichen anderen, schon heute absehbaren Reformen der Agenda 2000. Und blieben die wirren EU-Regeln unverändert, nach denen eigens geschulte Buchhalter alljährlich den Briten-Bonus errechnen, würde Blair im Moment der ersten Ostbeitritte sogar noch einen Sonderrabatt einstreichen - während alle anderen draufzahlen.

Diese Absurdität wenigstens zu korrigieren ist Chefsache für Berlin. Experten mögen brillante Rechenmodelle entwerfen, am En- de zählt allein das politi- sche Kalkül: Wie kriegt man Tony Blair dazu, daß Großbritannien auf sein Veto und somit auf bares Geld verzichtet? "In offe- ner Feldschlacht", sagt ein Kenner Brüsseler Verhandlungsnächte, "ist da nichts zu machen." Dann würden ja nur feindliche Bataillone an Labours Heimatfront wach, die Boulevardpresse und die Tories. Entweder einigt sich die EU mit London leise - oder die Berliner Konferenz scheitert, mit lautem Knall, an Maggies Erbe.

Verbale Scharmützel werden auf dem Gipfel noch entlang einer zweiten Konfliktlinie ausgefochten, im Streit zwischen Nord und Süd um die Strukturfonds. Dieser Streit ist zwar garantiert - und doch weniger schädlich. Das ist europäisches Ritual: Spanier, Griechen und Portugiesen pokern um ihre Fördermilliarden, Deutsche und Niederländer pochen auf Entlastung ihrer hohen Nettosalden. Da gehören Klappern und Türenschlagen zum diplomatischen Handwerk. Eingeweihte Beobachter geben sich jedoch "verhalten optimistisch, daß sich ein Kompromiß finden läßt". Der Zahlenkorridor, auf dem sich Gerhard Schröder und der Spanier José-María Aznar in der letzten Nacht irgendwo in der Mitte treffen müssen, ist abgesteckt: Bonn möchte binnen sieben Jahren höchstens 190,5 Milliarden Euro aus Brüssel fließen lassen, maximal 216 Milliarden wird Madrid durchsetzen. Das wären zehn Prozent weniger, als die EU-Kommission ursprünglich empfohlen hatte. Durch diese "Stabilisierung" des Budgets käme Europa die Deutschen netto knapp 5 Milliarden Mark billiger. Und gleichzeitig hoffen sie auf 2 Milliarden Mark mehr Regionalbeihilfe aus Brüssel - jährlich! Das hat schließlich Monika Wulf-Mathies, die zuständige Kommissarin, für ihre Landsleute grosso modo ausgerechnet.