Jörg Oberle hat seinen Traumberuf gefunden. Der junge Mann aus der Nähe von Aschaffenburg hatte eine Lehre als Spengler gemacht, doch kurz danach Rohrzange und Dichtungsringe gegen einen Kopfhörer mit Mikrofon getauscht. Seit vier Jahren arbeitet er nun für den japanischen Videospielehersteller Nintendo - als Spieleberater. Mehr als 40000 Anrufe gehen in der Woche bei den Hotlines ein, die das Unternehmen ratsuchenden Spielefreaks anbietet. Jörg und 49 weitere Berater stehen Rede und Antwort bei allen Problemen, die Gameboy & Co. verursachen. "Die Kunden sitzen vor dem Fernseher, haben die Spielkonsole in den Händen und kriegen das Kabel nicht in die richtige Buchse", berichtet ein technischer Berater. Daraus hat Nintendo seine Schlüsse gezogen.

Als die Japaner 1990 bei Aschaffenburg ihre europäische Zentrale errichteten, wurde an der Kundenbetreuung nicht gespart: Rund 20 Prozent der Belegschaft sind heute dem Consumerservice zugeteilt. "Wir wollen, daß die Kunden möglichst schnell zum Spielen kommen", sagt Michael Friesl, der Manager des Consumerservice. Früher sei noch jedes nicht funktionierende Gerät eingeschickt worden. Dabei habe sich aber herausgestellt, daß 60 Prozent aller Geräte gar nicht defekt waren. Seitdem lasse man die Leute lieber kostenlos anrufen, und die Probleme würden telefonisch gelöst. Dafür werden alle Berater vier bis sechs Wochen trainiert. "In den Lehrgängen wird vor allem geübt, dem Kunden kein Expertenchinesisch an den Kopf zu knallen", sagt Angelika Raugust, Koordinatorin der Hotlines. "Kaum ein Kunde weiß, was ein Scart-Stecker ist. Aber das Kabel mit einem kastenförmigen Stecker am Ende, das erkennt jeder."

Die Telefoncouch für verzweifelte Nintendo-Spieler ist über eine normale Ortskennzahl zu erreichen. "Hier rufen vor allem Leute an, die Tips und Tricks erfahren wollen", berichtet Tanja Bonert. Die 22jährige führt ihre Kunden vor allem durch die Fallen des neusten Nintendo-Abenteuers, The Legend of Zelda. "Wegen des Spiels rennen uns die Kinder hier die Bude ein." Und die Spieleexpertin fügt grinsend hinzu: "Aber auch Erwachsene, die vorgeben, für ihre Halbwüchsigen anzurufen."

In den Wochen nach Weihnachten bestürmten Nintendo-Kunden die Berater mit über 200000 Anfragen. Auch bei Zelda- Problemen ist das Prinzip der Beratung einfach: "Bleibt ein Spieler immer wieder bei demselben Spielzug hängen, legt er irgendwann das Gerät frustriert in die Ecke", erklärt Tanja Bonert. "Jetzt könnte man ihm natürlich einfach die Generallösung sagen. Aber dann wäre es mit dem Spaß auch schnell vorbei. Also versuchen wir, mit Andeutungen zu helfen." Tanja arbeitet erst seit einem halben Jahr als Beraterin für Nintendo, daher ist ihr Fachwissen bei manchen Fragen noch überfordert. Ihre Stütze ist die Datenbank: Sie enthält die Lösungen für über 1000 Nintendo-Spiele.

Der nächste Run auf die Nintendo-Hotline ist schon programmiert: Neu auf dem Spielemarkt ist nämlich auch ein Star Wars -Flugsimulator. Die Spieler dürfen in die Rolle des Helden Luke Skywalker schlüpfen und die Geschichten der Filmtrilogie nachballern. "Da werden ganz Ungeduldige schon mal den ein oder anderen Cheat-Code wissen wollen, wenn sie auf starke Gegner stoßen."

Allerdings können auch das Fachwissen der Berater und die Schätze der Datenbank nicht verhindern, daß hin und wieder Anrufer trotz der kompetenten Hilfe kein Glück im Spiel haben: Hatte doch ein Spieler den Tip bekommen, in einer besonders kniffligen Situation "vier Sekunden niederzuknien, damit sich das Problem löse". Der wertvolle Hinweis bezog sich auf das Verhalten der Figur im Videospiel. Der Anrufer hatte ihn jedoch wörtlich genommen und sich mit Blick auf die Uhr vor seinem Fernseher auf den Boden gekniet.

Das Haupt schamvoll zu beugen brauchen Tanja und ihre Kollegen wegen solcher Vorkommnisse aber nicht. In den vergangenen Monaten wurde die Nintendo-Hotline gleich von zwei Spielezeitschriften zum Testsieger unter den Spieleberatern gewählt.