Die Luft ist stickig auf den Gängen. Den ganzen Tag sind die Mitarbeiter in den oberen Stockwerken des Brüsseler Breydel-Gebäudes aufgeregt hin und her gerannt, dort, wo die mächtigen EU-Kommissare mit ihren Stäben sitzen. Jetzt, um halb zwei Uhr morgens, gehen noch einige Berater auf und ab - mechanisch, ziellos, mit rotgeränderten Augen.

Hinter schalldichten Doppeltüren hocken einige Kommissare mit Reportern beisammen zum Hintergrundgespräch. Die Journalisten haben sich im Durcheinander an den Sicherheitskräften im Erdgeschoß vorbeigestohlen, irgendwie sind sie über enge Feuertreppen nach oben gelangt. Ein Kommissar, den die Öffentlichkeit nur in eleganter Kleidung und strammer Haltung kennt, flegelt sich im offenen Hemd in seinem Ledersessel. "Die Einführung des Euro, da haben wir gute Arbeit geleistet", sagt er und bläst genüßlich Kringel in die Luft. "Und zum Dank dafür läßt man uns jetzt über ein paar Unregelmäßigkeiten stürzen."

Noch wenige Stunden zuvor hätte das niemand für möglich gehalten. Europas Exekutive ist zum ruhmlosen, unrühmlichen Abgang gezwungen. Europa, das nach der Einführung der Einheitswährung schon als Supermacht im Wartestand galt, steht plötzlich kopflos da. Nun scheinen alte Sicherheiten in Frage gestellt: Ist die Méthode Monnet, nach der eine ökonomische Integration die Nationen ohne die langen Umwege demokratischer Willensbildung zusammenwachsen läßt, an ihre Grenzen gestoßen? Bringt der Euro vielleicht doch nicht mehr Europa, sondern zunächst mal mehr Konflikte, mehr Krisen hervor?

Ein kurzer Satz, auf die Zustände innerhalb der Kommission gemünzt, hatte das europäische Beben ausgelöst. "Es wird schwierig, irgendeine Person zu finden, die sich auch nur im geringsten verantwortlich fühlt." Ein schwedischer Rechnungsprüfer und vier Richter aus Spanien, Frankreich, den Niederlanden und Belgien hatten den Satz an das Ende ihres 144 Seiten langen Berichts über Anschuldigungen betreffend Betrug, Mißmanagement und Nepotismus in der Europäischen Kommission geschrieben - als Zusammenfassung und Generalkritik an der Arbeitsweise der Brüsseler Verwaltung.

Die Behörde war immer stärker in Verruf geraten. Gleich mehrere Kommissare, besonders die ehemalige französische Premierministerin Edith Cresson und ihr spanischer Kollege Manuel Marin, standen unter Beschuß. Günstlingswesen, Mißwirtschaft und Betrug lauteten die Vorwürfe. Aber auch die deutsche Regionalkommissarin Monika Wulf-Mathies geriet in Not, weil sie einen Bekannten an den üblichen Prozeduren vorbei beschäftigt hatte. Um all diese Verdächtigungen zu klären, hatte das Europäische Parlament die "fünf Weisen", wie sie schnell zuneigungsvoll genannt wurden, im Dezember um Aufklärung gebeten. Feierlich hatte Kommissionspräsident Santer vor dem Parlament gesagt, das Kollegium werde den Untersuchungsergebnissen entsprechend handeln.

Ein strategischer Fehler. Denn damit hatte sich die Kommission den Weisen ausgeliefert. Die Kommissare hatten Einzelgutachten erwartet und zähneknirschend akzeptiert. Die individuellen Prüfungen brachten für die meisten Kommissare bessere Noten, als sie befürchtet hatten. Keinem konnte Betrug oder persönliche Vorteilnahme nachgewiesen werden. Dem stark belasteten Spanier Marin wurde sogar eine Art Unbedenklichkeitszertifikat ausgestellt. Nur Edith Cresson hat es jetzt schwarz auf weiß, daß sie nicht tragbar ist. Auf den 19 Seiten, die der Expremierministerin gewidmet sind, entsteht das Bild einer Frau, die im eigenen Dienstbereich Vetternwirtschaft und Mißmanagement betreibt und billigt - und das ohne eine Spur von Unrechtsbewußtsein.

Nach nur sechs Wochen kamen die fünf Weisen zum Urteil