Die Bundeswehr, so sagt man gern, sei eine Neugründung gewesen. Ulrich de Maizière spricht von einer Neuschöpfung. Mit der Wehrmacht habe sie nichts zu tun, nichts mit dem preußisch-deutschen Militarismus früherer Zeiten, nichts mit dem verhängnisvollen Kadavergehorsam, eigentlich auch nichts mit dem NS-Staat und seinen Massenverbrechen. Die Begründung für diese These ist eher formalistisch: Die Wehrmacht sei 1945 durch die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges vollständig aufgelöst worden. An etwas nicht mehr Existierendes habe man schließlich auch nicht anknüpfen können. Die perfekte Stunde Null.

Allerdings sprach für die These von der Neuschöpfung auch Gewichtigeres. Zum einen die grundlegend veränderten politischen Bedingungen, in welche die Bundeswehr in den fünfziger Jahren eingepaßt wurde. Das Grundgesetz beschränkte die Aufgaben der neuen Streitkräfte erstmals in der deutschen Militärgeschichte auf die Kriegsverhinderung beziehungsweise die Verteidigung. Nationale Alleingänge wurden durch den Verzicht auf ein eigenes Oberkommando und durch die Einbindung der Bundeswehr in ein Bündnis verhindert. Den Vorrang der Politik vor militärischen Interessen regelten Verfassung und Gesetze unmißverständlich. Erstmals gab es eine durchgängige parlamentarische Kontrolle des Innenlebens der Streitkräfte durch den Bundestag. Neben diesen strukturellen Veränderungen im Verhältnis von Politik und Militär verweisen die Anhänger der Neuschöpfungsthese auf das Reformkonzept der "Inneren Führung" - der Soldat sollte "Staatsbürger in Uniform" sein und die verfassungsmäßig garantierten Rechte weitgehend behaltend.

Ihre Ursprünge sind noch in der Propaganda aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu suchen. Eine weitere wichtige Etappe bildete dann die Denkschrift vom Herbst 1945, verfaßt von Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, Generalfeldmarschall Erich von Manstein, Generaloberst Franz Halder, General Walter Warlimont und General Siegfried Westphal. Dort wurde erstmals eine kompakte Strategie zur Freisprechung der Wehrmacht von aller Schuld entworfen. Die Generals-Denkschrift bildete die Grundlage für die Verteidigung der Wehrmachtgeneräle und -admiräle während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse sowie in einer Reihe anderer Prozesse der Alliierten gegen Angehörige der Wehrmacht.

In der Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950 stellten ehemalige Offiziere bereits wieder politische Forderungen. Die Soldaten der Wehrmacht sollten öffentlich rehabilitiert und die verurteilten, aber noch in Haft befindlichen Kriegsverbrecher entlassen werden - was im Rückblick als die demonstrative Leugnung des Tatbestandes gewertet werden muß, daß es einen Vernichtungskrieg überhaupt gegeben hatte. Im Kontext des Kalten Krieges und der angestrebten Wiederaufrüstung sahen die ehemaligen Berufsmilitärs beste Chancen, sich mit ihren Forderungen auch politisch durchzusetzen. Denn sie wurden wieder gebraucht.

Die Amerikaner sorgten bald für den Persilschein

Tatsächlich rangen sich in den Jahren 1951 und 1952 sowohl der US-amerikanische General und Nato-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower als auch Kanzler Adenauer dazu durch, Ehrenerklärungen für die Angehörigen der Wehrmacht abzugeben. Zur gleichen Zeit durften mehr als 300 deutsche Ex-Generäle und Generalstabsoffiziere in der Historischen Abteilung der amerikanischen Armee kriegsgeschichtliche Studien verfassen. Diese Tätigkeit wirkte als eine Art Persilschein und schützte sie in der Regel vor kriegsgerichtlichen Verfahren.

Auch die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik drängte keineswegs auf weitere Aufklärung über die Rolle des Militärs in der NS-Zeit. Vielerorts hatte man sich längst angewöhnt, von der "Siegerjustiz" zu sprechen und die verurteilten Generäle als "sogenannte Kriegsverbrecher" zu bezeichnen. Ebenso wie die ehemaligen Offiziere wollte auch die Mehrheit der Bevölkerung in den fünfziger Jahren einen Schlußstrich unter die Vergangenheit gezogen sehen und sich im übrigen an den Segnungen des Wirtschaftswunderserfreuen.