Die Aids-Epidemie erreicht ihren traurigen Höhepunkt: In diesem Jahr werden erstmals mehr Menschen an der durch das HI-Virus übertragenen Immunschwäche sterben als an der Malaria oder der Tuberkulose. Jeden Tag stecken sich 16000 Menschen mit dem Aids-Erreger an; 50 Millionen sind in diesem Augenblick infiziert; 4 Millionen von ihnen werden noch im Laufe dieses Jahres daran sterben.

Aus Hoffnung wird Enttäuschung: Medikamente hemmen den HI-Virus zwar und unterdrücken den Seuchenausbruch. Doch auch die Kombinationstherapie, bei der verschiedene Substanzen gleichzeitig verabreicht werden, stößt offenbar an ihre Grenzen: Rund 15 Prozent aller US-Amerikaner werden jetzt von einem HI-Virus befallen, das bereits gegen eines der Medikamente resistent ist. Schlimmer noch: Einer unter 50 wird von einem Virus infiziert, das sogar gegen drei Substanzklassen immun ist und damit nicht mehr eingedämmt werden kann. Soll man angesichts der sich ausbreitenden Resistenzstämme früh oder spät mit der Kombinationstherapie beginnen? "Ich weiß es nicht", bekannte der amerikanische Virologe Robert Gallo am Sonntag in Frankfurt. Die niederschmetternde Antwort gab Gallo ausgerechnet, bevor er den höchsten deutschen Wissenschaftspreis entgegennahm.

Angesichts dieser Zahlen liegt es nahe, nach mehr Forschung zu rufen. Doch Aids-Forscher erhalten bereits fürstliche Budgets. Industriestaaten und Pharmafirmen stecken - bezogen auf die Zahl der Patienten - 10000mal mehr Geld in die Aids-Forschung als in die Bekämpfung der Malaria, an der in diesem Jahr 2 bis 3 Millionen Menschen sterben werden. Und während die Malaria sträflich vernachlässigt wird, hat sich bei Aids der Durchbruch bisher nicht erzwingen lassen. Ein Impfstoff gegen HIV, der die Menschheit von Aids befreien könnte, ist derzeit nicht in Sicht.

Die Vermeidung der Ansteckung bleibt deshalb am wichtigsten. Doch während hierzulande etliche Menschen allzu sorglos sind, wissen viele in den Entwicklungsländern nicht einmal, was Aids ist.