An jenem denkwürdigen Donnerstag nachmittag saß Joschka Fischer in seiner Amtsstube und kaute mißmutig auf einem Apfel herum: "Politisch trübe" sei die Lage, grummelte er. Beim Koalitionspartner spitze sich etwas zu, die Richtung der Regierung stimme nicht mehr, und auch die eigene Partei erfreue ihn wenig. "Wenn das so weitergeht, dann gehe ich nach Hause." Das tat er natürlich nicht. Statt dessen zog er kurze Hosen an, setzte die Baseballkappe auf und joggte an den Rhein. Dort klingelte das Handy, und Gerhard Schröder zitierte seinen Außenminister - "ohne Duschen" - ins Kanzleramt, um ihm die Neuigkeit persönlich zu verkünden: Oskar geht. Von da an war wieder Leben im Minister.

Bis in den späten Abend sah man Fischer mit dem Handy durchs Regierungsviertel hetzen, im Schlepptau einen seiner engsten Begleiter, Fraktionschef Rezzo Schlauch, der ebenfalls telefonierte. Am nächsten Tag geschah dann, was manche so lange vermißt hatten: Fischer rief seine politischen Freunde ins Auswärtige Amt und diskutierte mit ihnen das weitere Vorgehen der Partei.

Der deprimierende Parteitag von Erfurt, die Lethargie der vergangenen Tage - wie weggewischt. Niemand redet mehr davon, wie sich der geprügelte Minister vom Felde trollte, nachdem die grünen Delegierten seinen Vorstoß zur Parteireform für untauglich erklärt hatten. So sehr hatte Fischer unter der "Blindheit" seiner Partei gelitten, daß er vor dem Bierstand in der Messehalle theatralisch ausrief: "Warum hat mir Gott nur diese Augen gegeben?"

Jetzt hat der Seher neue Kraft geschöpft: Übers Wochenende erarbeitete er mit den Wirtschafts- und Finanzexperten vom "Realo"-Flügel ein Papier, das er am Dienstag in der Fraktion vorlegen ließ. Das Memorandum mit dem Titel Initiative für Investitionen, Arbeit und Umwelt soll die Grünen wieder als treibende Kraft in der Wirtschaftspolitik ins Gespräch bringen. Der Bundesabgeordnete Matthias Berninger, als Haushaltsfachmann einer der Mitautoren, will die Vorlage als "neue Kursbestimmung" verstanden wissen: "Die Koalition hat in den vergangenen Monaten viel auf der Nachfrageseite gemacht, jetzt müssen wir dringend Signale auf der Angebotsseite aussenden."

Die Autoren verlangen neue Initiativen im Billiglohnbereich, sie äußern sich kritisch über den Kampf gegen die sogenannte Scheinselbständigkeit, mahnen niedrigere Steuersätze - auch für Spitzenverdiener - an, eine maßvolle Lohnpolitik und eine ernsthafte Haushaltskonsolidierung. Das Bündnis für Arbeitet, lautet die Botschaft, ist auch unser Projekt. Laßt uns dem Bundeskanzler, der angekündigt hatte, eine wirtschaftsfreundlichere Politik zu betreiben, lieber vorauseilen als ihm hinterherzuhinken.

Nicht alle in der Fraktion reagierten begeistert. Manche fühlten sich überrumpelt, andere munkelten etwas von "Gegenpapieren". Traditionalisten wie Annelie Buntenbach schrien auf, während Jürgen Trittin, der die Rolle des Polarisierers nicht mehr mag, in Ironie flüchtete und nach besseren Formulierungen suchte. Berninger, der mit Fischer engen Kontakt pflegt, reagiert auf die Irritationen im anderen Lager mit sanfter Häme: "Auf dem Parteitag hieß es bei den Linken: Wir wollen nicht über Parteistrukturen reden, sondern über Inhalte - jetzt kriegen sie Inhalte."

Keine Frage, die Realos suchen den Streit. Wer genau hinhörte, konnte schon in Erfurt die neue Leitmelodie hören: Der "Burgfrieden" zwischen Linken und Rechten, dozierte Fischer dort vor der grünen Basis, habe die Partei in den "Immobilismus" geführt. Im Umkehrschluß sollte das heißen: Neue Vitalität kann nur entstehen, wenn beide Lager ihre Differenzen wieder offen austragen und nicht länger faule Formelkompromisse suchen.