Was ist normal? Ein Leben mit Einbauküche? Onanieren nach Dienstschluß? Telefonsex? Ist es normal, was die Helden der Seifenopern so treiben? Oder zeigt die Fernsehwelt nur die synthetische Version menschlichen Daseins, wie sie im realen Leben nicht existiert?

Todd Solondz wollte es wissen und hat einen Film gedreht, der so aussieht, als habe sich John Cassavetes als Regisseur bei einer Vorabendserie verdingt. Nach Welcome to the Dollhouse , seinem Porträt einer trostlosen Teenie-Existenz in New Jersey, beobachtet der Filmemacher aus Newark nun die Erwachsenen und entdeckt dabei den Terror der Normalität. Das Thema hat Konjunktur: Sei es in Late Show oder Pleasantville - der Mensch als TV-Junkie avanciert derzeit zum beliebtesten Kinohelden. In Happiness hat Solondz den Alptraum der Truman Show zum Amoklauf der Zivilisation beschleunigt. Gewöhnliche Kleinbürger treiben ihr Unwesen in sauberen Vorstädten. Lauter beschädigte Seelen, die einander noch kurz vor dem Selbstmord versichern, es sei alles in Ordnung.

Auch in Welcome to the Dollhouse stellte Solondz die Grausamkeit des Glücksversprechens an den Pranger. Die restlos aufgeklärte Gesellschaft erwies sich als hysterisch, verklemmt und pervers. Aber der Regisseur hatte seine jugendliche Heldin dabei nicht denunziert und die Selbstbehauptung des häßlichen Mädchens gegen jeglichen Anpassungszwang verteidigt. Diesmal läßt er alle Hoffnung fahren und nimmt ausschließlich Zwangscharaktere ins Visier. Selbst die Eltern von Joy, Helen und Trish bieten als Rentner im sonnigen Florida keine Alternative. Short Cuts hüben wie drüben: gepflegte Anlagen, gepanzerte Freundlichkeit, wächserne Haut. Man läßt sich scheiden, schluckt Pillen und schwatzt über die letzte Talk-Show.

In den besten Momenten seines Films gelingt Todd Solondz die Rückprojektion der Fernseh- auf die wirkliche Welt. Auf diese Weise richtet er eine Verstörung an, wie sie von Vexierbildern ausgeht. Bist du okay? Es liegt nicht an dir. Wir können doch über alles reden - man kennt diesen Jargon und hat ihn so noch nie gesehen. In der Grammatik der totalen Verständigung leistet die Kommunikationsgesellschaft den Offenbarungseid: Sie ist längst im Zitat erstarrt. Jedes einzelne Bild in diesem Film erscheint als Zombie seiner selbst, als Billig-Imitat all der Fast-food-Idole, mit denen wir täglich versorgt werden. Jedes Lächeln eine PR-Maßnahme, jede Träne reine Chemie. Der Muzak-Soundtrack spült den letzten Zweifel am Augenschein weich: Die da hilflos in ihrer Entfremdung zappeln, glauben fest an die eigenen Lügen.

In den schwächsten Momenten fällt Happiness jedoch der eigenen Konstruktion zum Opfer. Kino als Menschenzoo: Solondz' Psychopathologie des Kleinbürgertums interessiert sich über weite Strecken mehr für den klinischen Befund als für die untersuchten Patienten. Und weil der Befund von vornherein feststeht, wird blanker Zynismus daraus. Unterdrückte Sehnsucht bringt allemal Triebtäter hervor: Auch deine Nachbarin könnte eine Mörderin sein, in jedem von uns steckt ein Monster.

In der Schlußepisode legt Billys Vater vor dem Sohn eine Beichte ab. Von Mann zu Mann erläutert der Vergewaltiger die grausamen Details seines Verbrechens, offen, ehrlich und kindgerecht. Wir können wirklich über alles reden. Wenig später freut sich Billy über seinen ersten, schwer erarbeiteten Samenerguß. Jetzt ist auch Billy total normal. Und doch schwingt im Blick auf den Sohn am Ende eine verstohlene Zärtlichkeit mit, als wollte Solondz wenigstens diese eine Figur vor der Entstellung bewahren. Womöglich hat sich der Regisseur an die eigene Kindheit erinnert. Oder er hatte nur Mitleid mit seinem jüngsten Versuchskaninchen.