Wenn es geht, bettet Bodo Hombach sein Haupt nächtens gern in den eigenen vier Wänden. Das kostet Schlaf, denn sein Wohnort Mülheim an der Ruhr liegt 100 Kilometer von Bonn entfernt. Rund ein bis zwei Stunden muß der Chef des Kanzleramtes je nach Verkehrslage immer einkalkulieren. Selbst wenn er die Heimfahrt zum Telefonieren oder Lesen nützt, ist sie ein Aufwand. Ruhe und Gemütlichkeit zu Hause sind ihm jedoch die Mühe wert. Und ein wenig Abstand zur Hauptstadt kann auch nicht schaden.

Ein Hauch von Distanz zum Bonner Treiben dürfte Hombach in diesen Tagen gelegen kommen. Ihm weht dort der Wind scharf ins Gesicht. Vorwürfe aus dem eigenen Lager prasseln auf ihn nieder, sogar Rücktrittsforderungen aus dem Munde von Genossen. Das hat der entschwundene Finanzminister mit seiner Kritik am "schlechten Mannschaftsspiel" bewirkt. Wenn das Team nicht funktioniert, muß der Libero schuld sein: Hombach also, der im Kanzleramt die Fäden des Kabinetts in der Hand hält oder halten sollte, der als Hausmeier im Zentrum der Macht agiert und einer der wichtigsten Berater des Kanzlers ist.

Die Attacken auf die seit langem gepriesene Wunderwaffe der SPD kommen so überraschend nicht. Der gelernte Fernmeldehandwerker, der sich durch Abend- und Hochschule nach oben boxte, hat schon zuvor durch schiere Energie manche Begleiter verstört. Auch seine glorreichen Kampagnen für die Sozialdemokratie in Nordrhein-Westfalen haben Hombach (Johannes Rau: "Ein Kind, aber genial") nicht nur Freunde unter seinen Parteifreunden beschert. War da ein Hexenmei- ster ohne sozialdemokratischen Kompaß am Werk? Sitzt solch ein Zauberer jetzt gar an den Schaltstellen des Kanzleramtes? Da stellen sich die Vorwürfe fast wie von selbst ein. Chaos, Oberflächlichkeit, Selbstdarstellung, zischt es aus Sozi-Quellen. "Die wissen nicht, was macht so einer" im mächtigsten Amt, erklärt sich der Gescholtene die Nervosität mancher linker Genossen. Aber sie hegen Vermutungen.

Eine davon lautet: Hombach, Intrigant und Chaotiker. Oskar Lafontaine geht, da muß es doch noch andere Schuldige geben. Ein bißchen Dolchstoßlegende wabert bereits durch die kleine Stadt am Rhein. Das zeigt sich etwa, wenn eine forsche Juso-Vorsitzende die "billige Erklärungsvariante" für den jähen Abschied des Saarländers kritisiert. "Schuld trägt allein Lafontaine, alles wird wieder gut", empört sich Andrea Nahles über die Art, wie mancher den Abgang des Parteichefs kommentierte. Sie sieht eine andere Fehlerquelle in der Regierung - Hombach. "Ich benenne die Schwachstelle und sage, das muß korrigiert werden."

Etwas diskreter zeigen auch andere Sozialdemokraten auf den Kanzlergehilfen. Bahnt sich in Bonn ein archaisches Opferritual nach dem Motto an: Weil die Linke ihr Idol verloren hat, muß auch ein Prominenter von der anderen Seite dran glauben? Bodo Hombach böte sich für die Rolle des Opfers geradezu an. Er fällt schon äußerlich aus dem Rahmen. Mit seiner Eleganz (auch wenn sie billiger ausfällt als bei Schröder und Lafontaine) verstößt der 46jährige Hühne eindeutig gegen die Vorstellungen vom Genossenhabit. Das Geraune um Unregelmäßigkeiten beim Bau seines Hauses in Mülheim (die er oft dementiert hat) weckt Mißgunst. Schlimmer noch, der Mann neigt zur Arroganz der Ungeduldigen. Und vor allem sprudelt er von Ideen.

Ein Wunder, daß ihn seine Vorstellungen nicht schon längst in die Bredouille gebracht haben. Denn Hombach predigt, was in den Ohren mancher Sozialdemokraten wie Ketzerei klingen muß: Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft, Zusammenarbeit mit Unternehmern. Jetzt aber könnte Schröders Hausmeier unversehens ein Streitthema anheizen, das der SPD-Vorsitzende Lafontaine um der Einigkeit der Partei willen und beim Anlauf zur Macht weitgehend ausgeklammert hat: Wie soll das Land wirtschaftlich wieder in Gang kommen und gleichzeitig ein Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit gesichert werden?

Die Schicksalsfrage der SPD. Hombach hat sie immer wieder, auch in seinem Buch Aufbruch. Die Politik der neuen Mitte, beantwortet. Sozialliberal sind seine Rezepte, mit einem Schuß Blair, Clinton und - so der Verdacht - mit einer gehörigen Portion Managermentalität. Zu große Nähe zu den Unternehmern lautet der linke Vorwurf. Mag der ehemalige Preussag-Manager auch beteuern, "ich schenke denen nichts", er muß wie Gerhard Schröder mit dem Ruf leben, ein Genosse der Bosse zu sein.

Das Stigma erleichtert den Umgang mit vielen Parteifreunden nicht. Die Beziehungen sind ohnehin unterentwickelt. "Ich habe mich zu sehr auf die Akten konzentriert und zu wenig um die Gremien gekümmert", gibt Hombach zu. Das soll jetzt besser werden. Der leise Riese will mehr Körperkontakt in der Bundestagsfraktion und bei Parteisitzungen suchen. Die Begünstigten sollten gewarnt sein; sie müssen mit vielen Anregungen und einer massiven Überzeugungskraft rechnen.

Wenn denn genug Zeit für die Pflege von Partei und Koalition bleibt. Die Aufgabenlast ist schon jetzt Hombachs größtes Problem. Der Bundeskanzler will einen politischen Amtsleiter. Er schickt ihm Ratsuchende und drängt ihn in die Öffentlichkeit, ins Fernsehen zumal. Auch Schröders viele Chefsachen sind zunächst einmal Hombachs Sache. Aber, fragt der, wer sonst soll das Bündnis für Arbeit zusammenfassen, wer den Energiekonsens schmieden und die Entschädigungsfrage für Zwangsarbeiter aushandeln? Alle Betroffenen wollen, daß ihre Anliegen auf der Führungsetage behandelt werden. Sogar nach dem Dritten Weg der Sozialdemokratie, eigentlich eine Angelegenheit der Partei, soll Hombach in vorhergehender Absprache mit Lafontaine suchen.