DIE ZEIT: Es ist sehr verführerisch, gerade bei einem rückblickanfälligen Jubiläum wie dem 70. Geburtstag, Ihrer Arbeitsbiographie ein Muster zu unterlegen, indem man Ihr Leben und die Geschichte der DDR parallelisiert. Alle Wendepunkte der DDR-Geschichte erscheinen markiert durch Bücher von Ihnen. Könnte man sagen, daß Ihre Texte eine Gegenlektüre zur offiziellen Lesart der DDR bilden?

CHRISTA WOLF: "Parallel" zur DDR-Geschichte lief mein Leben nicht, eine solche Sichtweise würde der Schematisierung Vorschub leisten, auf die ich immer wieder treffe. Die Einschnitte, auch Brüche in meinem Leben und in meiner Arbeit entstanden aus den immer schärfer werdenden Konflikten mit der Entwicklung der DDR. Identität, ohne die Schreiben nicht möglich ist, bildet sich ja in unserer Zeit - übrigens nicht nur damals in der DDR - mit dem kritischen Denken und mit der Lösung von inneren Abhängigkeiten. Mir scheint, für das bessere Verständnis zwischen West- und Ostdeutschen wäre manches gewonnen, wenn man begreifen würde, daß Staat und Gesellschaft nicht gleichzusetzen sind. Die DDR war kein monolithischer, sich über 40 Jahre gleichbleibender Block. Im Verlauf ihrer Geschichte entwickelte sich immer mehr ein eigenständiges gesellschaftliches Leben, in dem ich alle Varianten von Verhaltensweisen beobachte - von der absoluten Anpassung bis zur absoluten Gegnerschaft.

WOLF: Den "DDR-Sozialismus" gab es anfangs ja noch gar nicht. Es gab bestimmte Schriften von Marx und Engels. Es gab Brecht. Es gab die Weigel, die uns als Gorkis Mutter von der Bühne herab über den Kommunismus sagte: "Er ist vernünftig." Das leuchtete mir ein nach dem Schock über die Untaten und den Irrationalismus des Nationalsozialismus. An diesem Experiment wollte ich mich beteiligen. Ich hatte außerdem das Glück, durch meine Arbeit mit aus der Emigration zurückkehrenden antifaschistischen Schriftstellern in engen Kontakt zu kommen - sie gehörten zu den eindrucksvollsten Leuten, denen man im Nachkriegsdeutschland begegnen konnte. Mein "Aufstieg" - und mein Abstieg - in dem, was Sie "Hierarchie" nennen, ist eine komplizierte Geschichte, die in ihren charakteristischen Einzelheiten vielleicht einmal erzählt werden müßte.

ZEIT: Irgendwann muß es einen Punkt gegeben haben, an dem Ihre Desillusionierung einsetzte. War diese Zäsur vielleicht das berüchtigte 11. ZK-Plenum, auf dem 1965 die Künstler mit Verboten und Bestrafungen auf Parteilinie gebracht werden sollten oder dem Exorzismus verfielen?

WOLF: Das begann mit dem XX. Parteitag 1956, als die Chruschtschow-Rede über die Verbrechen Stalins und Berijas einen tiefen Schock auslöste. Danach hofften viele, auch ich, es würde nun tiefgreifende Reformen geben. An den Büchern und Filmen der frühen sechziger Jahre können Sie ablesen, wie ernst wir die Aufgabe nahmen, an diesen Reformen mitzuwirken - natürlich mit den Mitteln der Kunst.

ZEIT: Wie überraschend kamen für Sie Chruschtschows Enthüllungen? Sie müssen doch auch schon vorher den stalinistischen Terror bemerkt haben.

WOLF: Man hat einiges geahnt; manches konnte man wissen, aber man hat es in dieser Kraßheit nicht geglaubt. Dazu kam - wir lebten im Kalten Krieg -, daß die führenden Leute in der DDR von der Angst besessen waren, zu weit gehende Enthüllungen könnten die so schwer errungene Macht aufs Spiel setzen. Diese Angst übertrugen sie auf die Jüngeren. Sich davon innerlich zu befreien gehörte zu unserem Emanzipationsprozeß. Und genau um diese Frage dreht sich ein zentraler Dialog im Geteilten Himmel. Dies war einer der Gründe für die harsche Kritik, die das Buch zuerst in Parteikreisen auslöste.