Fünf vor Zwölf gerät uns ein Buch vor Augen mit erstaunlichen Prosatexten. Dergleichen hat es bisher nicht gegeben.

In den bekannten Metamorphosen, den Zauberstücken, wird stets noch ein Mensch, meist zur Strafe, verwandelt in einen Baum ein Tier einen Stein oder ein Sternbild. So ist es uns geläufig sei altersher. Bei Aigner geschehen aber Verwandlungen und Übergänge von Bildern aus der Natur in solche aus dem menschlichen Leben, sogar in die des Körpers.

Baudelaire jedenfalls begrüßte die Sammlung Gaspard de la nuit des Aloysius Bertrand mit enthusiastischen Worten: "Wer von uns hätte nicht an seinen ehrgeizigen Tagen von dem Wunder einer dichterischen Prosa geträumt, die musikalisch wäre, ohne Rhythmus und Reime, geschmeidig genug und reich an Kontrasten, um sich den lyrischen Regungen der Seele, den Wellenbewegungen der Träume, den Zuckungen des Bewußtseins anzupassen?" Worte wie für mein Jahrhundertbuch. In welchem das Leben ein Zusammenspiel von allem mit allem ist.

Es treten uns Texte von einer Sprachkraft sondergleichen entgegen, und grauenerregender Wahrhaftigkeit. Ihre Abenteuer entfalten sich gestisch, daß es mir beim Hören und Lesen die Füße wegschlug. Das erschreckende Vereinsamende, das absurde Leben - Verwandlungen auf den Tod hin, und große Landschaften verbinden sich mit den wunderbaren einfachen Dingen menschlichen Lebens. Die Texte ereignen sich in uns während wir lesen. Mal ist der Schreibende mit dem Blick des Türmers ausgestattet, mal geht er als Stück Natur einfach zugrunde. Es gibt einen großen Text über die Einsamkeit, der auf dem Boden der modernen Physik aufgebaut ist und trostreich endet, ohne Transzendentes bemühen zu müssen. Andere Stücke sprechen von Sehnsucht Enttäuschung Hoffnung, fremdem und eignem Verrat. Wolfsregen, Endgültiges über die Selbstmörder von Salzburg, Fluchammern Herzzecken in Städten, steinerne Lungen, gigantische Mägen - darüber erfahren wir ALLES. Du siehst die Pracht des Planeten, wenn du am Boden bist, ganz unten und aufschauen kannst.

Ich lese die unvergleichlichen die schmerzhaften Texte der Reihe nach und gewinne zuletzt den Super- und Extratext in der Brust. Bin durch einige Länder und Landschaften geflogen, sah die Pinien in Kiefern sich wandeln, der nach Süden entwichne Schwan kehrt vielleicht noch zurück. Die Hoffnung gewinnt das Rennen. Das ist die Verdichtung vom Leben auf Erde, dem einzigen Planeten welchen wir kennen. Der erhalten bleibt, wenn wir uns selber lange genug verwandeln können. So halten wir mit diesem Buch ein lebendes Wesen in Armen.

Ein wildes Leuchten und atmosphärisches Geschehen verbindet sich mit dem hohen Mut so zu sprechen, wie Aigner es tut. Es sind heilige Texte, geschrieben von einem, der engelsgeduldig beobachten kann. Das ganze Programm der Wellen Quarks und Lerchengesänge studiert hat. Aigners Buch Mensch ist ein Logbuch von Erde.

· Christoph Wilhelm Aigner: Mensch. Verwandlungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999; 120 S., 28,- DM