Berlin

Kann sich das einer vorstellen? Eine sozialistische Hose, die Heino heißt oder Jupp? Die Genossen vom Zentralkomitee der SED konnten es nicht, und deshalb mußten Petra Harzendorf und alles nur verfügbare Büropersonal beim Versandhaus konsument in Karl-Marx-Stadt am 15. Juni 1973 die Arbeit liegenlassen, um die Ehre des Sozialismus zu retten.

Versandhandel in der DDR, das war eine Gratwanderung zwischen Kommerz und Klassenkampf. Annette Kaminsky, eine junge Sozialwissenschaftlerin aus Leipzig, beschreibt sie in ihrem Buch Kaufrausch. Beim Blättern in der reich bebilderten "Geschichte der ostdeutschen Versandhäuser", die sehr anschaulich auch die Wirtschafts- und Sozialgeschichte spiegelt, fühlt man sich ein bißchen in die Neckermann-Welt versetzt: Da posieren mondäne Damen in Hut und Handschuhen neben jovialen Herren mit Pfeife, toupierte Mädchen mit kajalgeschwärzten Augen tragen Kleider mit Namen wie Kokett und Charmant. Nur lächeln sie in ihren kurzen Kleidchen vor dem FDGB-Ferienheim und nicht vor einem Schwarzwaldhotel in die Kamera. Gestärkte Plisseeröcke und Popelinmäntel stehen stramm unter der Überschrift "Die künftigen Meister des Sozialismus werden zu großen Taten fähig sein".

Auch der Versandhandel war eben Politik, und deshalb verkündete der Frühjahrskatalog 1959 des Versandhauses Leipzig: "Ich bin stolz darauf, der Katalog eines sozialistischen Versandhauses zu sein. Auf meinen Seiten wird jetzt schon überzeugend sichtbar: Die Arbeiter in der Industrie und die Werktätigen in der Landwirtschaft schaffen es! Bis 1961 wird Westdeutschland im Pro-Kopf-Verbrauch an Lebensmitteln und den wichtigsten Konsumgütern überholt."

Auch der Osten wollte sein Wirtschaftswunder, und die Versandkataloge sollten es zaubern helfen. Das volkseigene Versandhaus Leipzig, 1956 gegründet, war ursprünglich für die Versorgung ländlicher Gebiete mit Industriewaren vorgesehen - aber in der DDR waren die Bauern auch nicht anders als im Westen, also von eher skeptischer Natur, und bald verlegten sich die Leipziger auf das Geschäft mit den aufgeschlosseneren Städtern. Das Versandhaus firmierte nun unter dem Namen centrum und bemühte sich um den Anschluß an das "Weltniveau". Was das war, ergründete eine Delegation, die 1960 in den Westen geschickt wurde. Ein zweites genossenschaftliches Versandhaus, das konsument, übernahm die bäuerliche Kundschaft, und von 1961 an gab es im DDR-Versandhandel fast so etwas wie Konkurrenz.

"Das war damals eine moderne Sache", erinnert sich Petra Harzendorf, die heute als Bürokraft beim Verwaltungsgericht arbeitet, "auch wenn wir viel improvisiert haben." Ihr Abteilungsleiter mußte schon mal beim Fototermin einspringen und mit einem Plastehuhn neben dem Grill posieren. "Gegenüber Neckermann sahen wir trotzdem ganz gut aus", findet Petra Harzendorf. Schließlich taten die Ost-Modelle alles, was ihre Kolleginnen im Westen auch taten, wenn auch mit einiger Verspätung: Sie lehnten sich lässig an Litfaßsäulen, durften in den Siebzigern auch mal ein wenig Haut zeigen; und sie wurden immer jünger und schlanker.

Die Kunden ließen sich locken und bestellten mehr, als den Versandhändlern lieb war: eine platzsparende Standardeinrichtung für die Neubauwohnung zum Beispiel, mit Küchenmöbeln in Zartrosa, Himmelblau und Lindgrün und der begehrten Schrankwand Kompliment fürs Wohnzimmer. Oder ein Paar Nietenhosen, jene West-Jeans-Imitate, mit denen man keinen Rausschmiß aus der Schule riskierte, außerdem FDJ-Hemden und DDR-Flaggen, für deren Produktion eigens das Angebot an Bettwäsche reduziert wurde.